Drogenschmuggel für Anfänger

Sein Maschinengewehr zuckt kurz, als er ihr befiehlt, den Koffer zu öffnen. Die Päckchen liegen obenauf. Feinsäuberlich in Blättern verschnürt. Ihr wird speiübel. Europäer mit Drogen im Gepäck erwarten saftige Haftstrafen, sagt man.

Venezuelas Isla Margarita gilt als Drogenparadies. Bewaffnete Bürgermiliz patrouilliert sogar am Strand. Mitten durch All-Inclusive-Touristen, die sich von fliegenden Händlern Kokosnussnüsse aufschlagen oder am Strand massieren lassen. Dazwischen Venezoelaner, die zeigen, dass sie Geld haben. Sie essen Hummer und ziehen flaschenweise Rum aus großen Kühlboxen.

Im Dunkeln ist es nicht ratsam, rauszugehen. Das lernen sie am ersten Abend. Vor dem Supermarkt um die Ecke, der vor allem Hochprozentiges führt, stehen bewaffnete Sicherheitskräfte. Auf der Uferstraße kommt ihnen ein Gefangenentransport entgegen. Zwei Polizisten halten auf Trittbrettern Ausschau, Gewehr im Anschlag. Der Müllwagen, der ihnen folgt, zieht eine übel riechende Jauchespur hinter sich her.

Mit der Dämmerung kommen die Mücken. Nur das heimische „Off“ hält sie fern. Genauso gut könnte man sich mit Petroleum einreiben. „Off“ riecht genauso und verfliegt selbst nach dem Duschen nicht. Im Hotel sind sie sicher. An Schlaf ist trotzdem kaum zu denken. Die Klimaanlage klappert und die ausströmende Luft riecht nach Klo-Deo.

Von ihrem Fenster sehen sie auf eine Art Garage. Eine Familie mit vielen Kindern wohnt darin. Abends rauchen und trinken sie vor der Baracke und strampeln auf dem Hometrainer. Manchmal halten marode amerikanische Schlitten oder Pickups. Auf der Ladefläche geht’s an den Strand. Wo man Parties mit viel Alkohol und Musik aus riesigen Boxen feiert.

Zu Fuß geht man hier offenbar nicht. An der Hauptstraße entlang zu laufen, ist Selbstmord. Die altersschwachen Mini-Busse sind voller Schüler in adretter Schuluniform und Einheimischen, die ihnen ihre Plätze anbieten. Einige leben in Rohbauten. Nur ein paar Stühle, ein Tisch und Hängematten sieht man darin. Daneben schicke Wohnanlagen, mit hohen Mauern gesichert, darauf Glasscherben oder Stacheldraht. An jeder Ecke Empanada-Stände. Mit geschreddertem Haifisch gefüllt serviert man die Maistortillas im Hotel sogar zum Frühstück.

Vieles ist fremd. Einiges exotisch. Manches bedrohlich. Der nahe Dschungel. Knurrende Wachhunde auf Flachdächern. Pferde, die urplötzlich über die Straße laufen. Das moderne Internetcafé im Nachbarort und die Telefon-Baracke am Strand mit Panoramafenster zum Meer. Europa scheint so unendlich weit weg.

Der Grenzpolizist nimmt ein Päckchen und wickelt es aus dem Blätter-Kokon. Sie zittert. Er inspiziert die dunkelbraune klebrige Masse und schnüffelt sogar daran. Schließlich verzieht sich sein Mund zu einem breiten Grinsen. Die zu Blöcken gepressten Tropenfrüchte kennt hier jeder. Ein kurzer Wink mit der MG: Er lässt sie passieren. Der Flieger wartet. Noch nie hat sie sich so auf den Rückflug gefreut.

© StellaArtois