Zufall?

Diese Pfingsttage rief meine Mutter plötzlich über Whatsapp an, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Einen Monat zu früh. Was sind schon vier Wochen, wenn man bald neunundachtzig wird?!?

Was mich allerdings stutzig machte, war, dass sie es geschafft hatte, sich per Whatsapp zu melden. War sie doch schon seit Monaten nicht mehr in der Lage, ihr Handy zu bedienen. Zum einen wegen ihrer Augen. Sie sieht nur noch sehr schlecht. Aber auch, weil man offenbar das, was man erst sehr spät im Alter lernt, auch am schnellsten wieder vergisst.

Immer gegenwärtiger sind ihr dagegen Dinge, die schon über acht Jahrzehnte zurückliegen. Beim Pfingstbesuch erzählte sie mir von einem Heuer, den ihr die kaum jüngere Freundin am Vortag geschenkt habe.

„Mit Murmeln haben wir als Kinder immer im Sand gespielt“ fügte sie ganz ernsthaft hinzu.

Auch von einer Puppe, die sie sich als Kind lange gewünscht und nie bekommen habe, erzählt sie immer wieder. Und was passierte, als sie sie dann doch bekam.

„Ich musste die Puppe einem Mädchen schenken!"

Ihre siebzigjährige Freundin habe fünf dieser Schildkröt-Puppen, sagt sie mit Kinderaugen. Und:

"Ich hätte so schrecklich gerne wieder eine!“

„Ich möchte so schrecklich gerne“ sagt sie überhaupt immer häufiger. Genauso wie „das mag ich“ und „das mag ich nicht“. In jenem betont trotzigen Tonfall, der nun immer öfter bei ihr zu hören ist. Und man weiß dann nicht: Spricht da das frühere Kind aus ihr, das ernst genommen werden oder die greise Frau, die im Alter nicht wieder als Kind behandelt werden will.

„Ich habe ihr fünfhundert Euro dafür geboten. Sie will mir keine Puppe verkaufen!“ entrüstet sich meine Mutter jedesmal neu.

Wie überhaupt das „Haben-Wollen“ immer stärkeren Raum bei ihr einnimmt. Genau wie das „Seinen-Willen-Bekommen“.

„Es ist so warm. Ich möchte so schrecklich gerne schwimmen gehen!“ erklärte sie mir beim Pfingsttelefonat.

Es nützte nichts, dass ich ihr sagte, es wär noch zu kalt, es hätte doch vor nicht allzu langer Zeit noch gefroren. Meinen Bruder, der danach bei ihr vorbeischaute, begrüßte sie mit gepackten Badesachen. Und der Frage, die wohl mehr eine Anweisung war:

„Fährst Du mich jetzt zum See?!“

Dass er fürs Schwimmen zu erkältet sei, wurde so gerade noch als Entschuldigung von ihr akzeptiert.

Merkwürdig ist, dass, wenn ich mich mit ihr unterhalte, auch für mich selbst die Grenzen von Zeit und Raum, von „Mutter-und-Kind-sein“ verschwimmen. So dass ich mir ein ums andere Mal die Augen reibe und mich frage, was denn nun wann war oder ob überhaupt.

Auch Wörter geraten mir durcheinander, wenn meine Mutter eine Wortfindungsstörung zu umständlichen Umschreibungen zwingt. Wenn sie im tiefsten Nebel nach einem Begriff stochert, wird er mir beim Zuhören selbst immer diffuser.

Noch seltsamer ist, dass genau in dem Moment, wo ich diese Zeilen hier über sie schreibe, meine Mutter versucht, mich per Whatsapp zu erreichen. Der Zufall spielt offenbar gerne Hellseher. Oder war das etwa kein Zufall?

© StellaArtois