Die Sache mit dem "Qi"

Ich stehe frei im Raum. Ich warte auf etwas. Etwas, das ich noch nie erlebt habe. Soll ich ihm trauen? Ich schwanke. Erst nach hinten. Dann nach vorne. Ich selbst bewege mich nicht. Ich werde bewegt. Irgendetwas schiebt mich sanft nach vorne. Und zieht mich wieder leicht nach hinten. Gerade so weit, dass ich nicht kippe. Nur ein leichter Zug im Oberkörper.

Ich drehe mich um. Dr. Gao steht hinter mir. Gut drei Meter entfernt von mir, direkt vor der Küchenzeile seines Mini-Appartements. Ich sehe noch seine ausgestreckten Arme. Die offenen Handflächen zeigen in meine Richtung, als würden sie etwas Unsichtbares von sich wegschieben.

Dr. Gao ist Qi-Gong-Meister. Sein Qi, mit dem er mich aus drei Metern Entfernung ins Wanken bringt, trainiere er täglich, erklärt er uns bescheiden lächelnd. Als sei das tägliche Training das einzige Geheimnis der mir etwas unheimlichen Demonstration. Ich bin weit entfernt davon, an übersinnliche Kräfte zu glauben. Klar, als Kind war ich beeindruckt, wie Uri Geller bei Wim Thoelke auf magische Weise Gabeln verbiegen konnte. Aber das hier i s t nichts Übersinnliches. Kein Spuk. Sondern meine reale, nicht eingebildete Erfahrung, an der ich keinen Augenblick zweifele.

Sofort habe ich eine lebhafte körperliche Vorstellung davon, einen sinnlichen Begriff, wie es sich für unseren schwerbehinderten Sohn anfühlt, wenn Dr. Gao ihn behandelt. Wie Dr. Gao mit seinem Qi Kräfte auf ihn wirken lassen kann, ohne ihn zu berühren. Und plötzlich wundert mich nicht mehr, dass unser blinder, mit all seinen anderen Sinnen hochsensibler Sohn mit seinen Körperbewegungen auf Dr. Gaos über ihm schwebenden Händen reagiert wie ein Metallstück auf die Kraft eines Magneten.

Zwei Jahre lang fahren wir alle vierzehn Tage mit unserem Sohn zu Dr. Gao. Er behandelt ihn auf seinem Bett in seinem Ein-Zimmer-Appartement, dass er nur die Woche über bewohnt. Er arbeitet hier als Heilpraktiker. Am Wochenende fährt er zur Familie. Dr. Gao erzählt uns, dass sein Studium in Deutschland nicht anerkannt wurde. Berichtet von seinem Wechsel vom Schulmediziner zur Traditionellen Chinesischen Medizin. Patienten nur mit Medikamenten zu behandeln, sei ihm zu wenig gewesen. Der traditionelle chinesische Mediziner sei so etwas wie ein Gärtner, der den ganzen Menschen und nicht nur Teilbereiche im Blick habe. Essen sei sehr wichtig, um gesund zu bleiben und Krankheiten zu heilen. Bei jedem Besuch hält Dr. Gao neue Kochrezepte für uns parat. Als Geschenk gibt er uns regelmäßig von seiner Frau selbst gemachte chinesische Teigtaschen mit nach Hause. Als habe er uns zu danken.

Dabei freue ich mich auf jeden Abend. Die Besuche sind wohltuend für uns, und sie zeigen mir, dass mehr Kräfte auf uns wirken, als wissenschaftlich messbar sind. Zwei Jahre lang fahren wir alle vierzehn Tage mit unserem Sohn zu Dr. Gao. Als ich ihn einmal bitte, er möge uns Eltern doch auch mit seinem Qi behandeln, meint er nur schmunzelnd, das tue er doch schon die ganze Zeit.

© StellaArtois