Doppeltes Eigengewicht

Ich habe so lange darauf gewartet. Die Kanne sei zu schwer und der Weg zu weit, hieß es. Dabei muss ich nur hinter den Mehrfamilienhäusern, vor denen ich immer Rollschuh fahre, durch das kleine Wäldchen. Direkt dahinter liegt der Bauernhof, wo es frische Milch gibt. Nah genug, dass man den Kuhmist bis zu unserem Haus riechen kann. Stolz laufe ich hin und stakse mit der randvollen Milchkanne zurück. Besorgt höre ich die Milch beim Schlenkern an die Kannenwand plätschern. Die Milch gluckert besorgniserregend, als ich die steile Abfahrt zu unserer Garage hinuntergehe, um meiner Oma, die ein Haus tiefer wohnt, ihren halben Liter zu bringen.

Ich überquere den asphaltierten Hof vor unserem Kellergeschoss und biege auf den Kiesweg, der entlang hoher Weißdornhecken zum verschieferten Giebelhaus meiner Großeltern führt. Der Weg ist nur wenige Kinderfüße schmal und wird von einer niedrigen Buchsbaumeinfassung begrenzt. Die grauen, spitzen Steinchen knirschen unter meinen Sohlen. Ein Ruck! Mein Fuß bleibt an einem der Quersteine hängen. Die Kanne wird wie von unsichtbarer Hand nach vorne gerissen. Sie scheint plötzlich ihr doppeltes Eigengewicht zu haben. Ich sehe sie an meinem ausgestreckten Arm auf Schulterhöhe vor mir her fliegen. Es reißt mich hinter der Kanne her. Ich schwebe. Absolute Stille. Eine Sekundenewigkeit lang. Ich spüre meinen Körper nicht. Nicht den schmerzenden Fuß. Sehe nur in Zeitlupe, wie sich die Kanne von meiner Hand, die den Griff verbissen umklammert, losreißt. Sehe, wie sich beim Aufprall auf den Kies der Deckel löst. Sehe, wie sich die Milch weiß auf den grauen Kies ergießt. Sehe, wie der weiße See unendlich langsam und ohne das geringste Geräusch versickert. Ich kann sie nicht mehr zurückholen, einsammeln und wenigstens ein Teil wieder in die Kanne füllen. Nichts ist mehr übrig. Außer einer Stelle, an der der graue Kies noch ein wenig dunkler ist. Und auch das nur für eine Weile.

Jetzt erst erschrecke ich vom Scheppern der Kanne auf den Steinen, die doch schon eine kurze Weile dort liegen muss. Mein Fuß beginnt wehzutun. Erst jetzt. Genauso wie mein aufgeschürftes Knie und die Hände. Ich falle. Jetzt erst. Wo ich doch schon einige Zeit neben dem stark duftenden Buchsbaum liege. In einem uneinsehbaren Winkel im dunklen Gartengrün zwischen den Häusern. Immer wieder laufen die Bilder in meinem Kopf ab. Sekundenschnell . Und trotzdem schmerzvoll langsam. Der Ruck, das Nach-vorne-gerissen-werden, das Schweben, das Scheppern. Als könnte ich an irgendeiner Stelle noch einmal etwas rückgängig machen. Den Verlauf korrigieren. Wenn ich nur den magischen Punkt fände, wo ich das Unabänderliche, schon längst Geschehene, doch noch in eine andere Richtung lenken könnte. Aber ich falle. Immer wieder. Film ab. Rücklauf. Noch einmal von vorne. Ich schließe die Augen. Der Film läuft weiter. Das Dokument meines Versagens, meiner persönlichen Niederlage. In Endlosschleife.

© StellaArtois