Gleichgewicht ist Bewegung

Gleichgewicht ist kein Zustand, sondern eine Bewegung. Denke ich und sehe, wie vor mir ein Blatt von einer Buche fällt. Erst schnell abwärts, im freien Fall. Bevor es zur Seite schwenkt, jäh gebremst. Dann dreht sich das Blatt mehrmals spiralförmig um die eigene Mitte, legt sich wieder in die Horizontale und landet schließlich, sanft auf die laubbedeckte Erde gleitend, direkt vor meinen Füßen.

Gleichgewicht ist der Moment beim Fallen, an dem Zukunft und Vergangenheit eine kurze Wende lang als Einheit erscheinen.

Vielleicht ist es genau die Sekunde, in der das Blatt sich plötzlich waagerecht dreht, mit einer kleinen Seitwärts-Bewegung aus der Bahn ausbricht, für Augenblicke verharrt, um dann wieder, nach einer winzigen Pause, abwärts zu gleiten, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

Als ich aufsehe, kreuzt ein Buchfink den Weg. Mit rotbraunem Bauch, weißem Schulterfleck und weißer Binde an den Flügeln. Wie der kleine Vogel damals auf unserem Balkon im dritten Stock. Mit seinem verletzten Flügel war er tagelang hungrig piepsend über den Betonboden gehüpft, von zwei Männchen im Wechsel gefüttert. Irgendwann machte er plötzlich einen Satz auf den Tisch, dann einen kleinen Sprung auf die Balkonbrüstung. Mit beiden Krallen umklammerte er die ein wenig überstehenden schwarzen Fliesen. Er schwankte ein wenig vor und zurück. Kippte jedesmal etwas weiter nach vorne. Bis zu dem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Und stürzt! Flattert. Unsicher. Ein paar Flügelschläge. Nur noch ein Flügelschlag. Ein kurzer Satz bis zum nächsten Ast. Gerettet!

Gleichgewicht ist der Punkt, an dem Loslassen möglich erscheint.

Ich versuche, mich zu erinnern, wie es geht, mein eigenes Gleichgewicht zu halten. Sehe mich auf einem viel zu großen Kinder-Fahrrad strampeln. Hin und her wackelnd auf viel zu laut rappelnden Stützrädern. Ich kann mit den Füßen den Boden nicht erreichen. Ich konzentriere mich verzweifelt aufs Treten. Sehe nur auf die Pedale. So lerne ich es nie! Ein Nachbarskind lässt mich auf sein winziges Rad steigen. Ohne Stützräder. Es hat genau die richtige Größe. Im Sitzen reichen meine Füße bis auf den Boden. Ich schiebe es bis an den Kopf des Rondells und steige auf. Es geht nur leicht bergab. Ich stoße mich vorsichtig mit beiden Füßen ab. Tippe während der langsamen Fahrt mal mit der einen, mal mit der anderen Fußspitze kurz auf den Boden. Ohne Hinzuschauen. Ich spüre mein eigenes Gewicht auf dem Sattel. Und sehe nur nach vorn. Dann lasse ich mich rollen. Mit einem Mal läuft das Rad von alleine! Also hebe ich mutig ein Bein. Dann das andere. Beide Füße schweben über dem Asphalt. Jetzt erst trete ich in die die Pedale. Lass dem Rad weiter sein Tempo. Trample einfach mit. Es geht so leicht! Ich achte nicht mehr auf meine Füße, sehe nur nach vorn. Solange ich in die Pedale trete, bin ich glücklich.

Gleichgewicht ist der Zeitpunkt, an dem ich meinen eigenen Rhythmus finde.

© StellaArtois