Endstation Sehnsucht Lisboa

Traumziel Lissabon. Wim Wenders „Lisbon story“ war unser Sehnsuchtsfilm. Dazu die Musik von Madredeus. Ihre CD hieß „Ainda“, portugiesisch für „Immer noch“. Die Melancholie des Fado gefiel uns. Gefällt uns immer noch.

"Dein Ziel liegt in einer anderen Zeitzone“ erklärt mir der Routenplaner. Und zeigt 2244 Auto-Kilometer von Bonn nach Lissabon an. Tatsächlich schien Portugal in einer anderen Zeitzone zu liegen. Durch den Norden Portugals wollten wir bis zur Küste. Direkt hinter der Grenze wurde die Straße zur Schlagloch-Piste. Der alte Ford Fiesta ächzte. Wir waren wohl wirklich „in einer anderen Zeitzone“ gelandet.

Durchgeschüttelt erreichten wir Braganҫa. Auf dem Dorfplatz ging es zu wie auf einem historischen Jahrmarkt. Straßenmusiker, Gaukler und bettelnde Kinder. Ein behinderter Alter, der sich auf den Knien mit zwei Holzpantinen vorwärts schleppte. Wir fühlten uns wie aus der Zeit gefallen, tief hinein ins Mittelalter.

Wir waren erschöpft und hatten Hunger. Vergeblich suchten wir nach einem Supermarkt. Waschmaschinen konnte man kaufen. Aber Lebensmittel-Läden fanden wir nicht. Ob die Menschen ihr eigenes Gemüse anbauten und sich mit Hühnern und Ziegen selbst versorgten? Wir fuhren weiter und suchten etwas zu essen. Direkt an der Straße sahen wir Rauch aufsteigen. In einer Garage stand ein Grill. Davor Bänke und Tische unter freiem Himmel. Speisekarten gab es nicht. „Fisch oder Fleisch?“ fragte man uns. Auf riesigen Tellern servierte man uns leckerstes Steak.

An der Rezeption auf dem Campingplatz im Nationalpark Gerês erwartete uns der nächste Zeitsprung. Ein voll digitaler Checkin mit Kreditkartenzahlung. Und das mitten in bukolischer Natur. Wir wanderten durch wilde Ziegenherden, badeten in den Steinbecken malerischer Wasserfälle zwischen Schwärmen bunter Fische. Abends noch ein Bier der Marke „Superbock“ – und nichts konnte uns mehr wecken.

Wir brachen auf Richtung Küste. Auf der Fahrt wurde der Brandgeruch immer stärker und die Mücken mehr. Verbrannter, manchmal noch qualmender Eukalyptus-Wald bis an den Straßenrand. Einmal durchquerten wir sogar meterhohe Feuerwände. Oben auf der Böschung lehnte ein junger Mann mit brennender Zigarette lässig an seinem Moped direkt neben den Flammen. Gelassenheit oder Fatalismus?

Wir staunten über den Gleichmut der einheimischen Camper in Viana de Castelo, die gegen Mücken Eukalyptuszweige vor ihren Zelten verbrannten. Erschrocken flohen wir auf der Straße vor bunt geschmückten Spießen, die aus dem Nichts plötzlich senkrecht vom Himmel vor unsere Füße krachten. Eine Gruppe festlich gekleideter Männer schoss die die langen Spieße hoch in die Luft. Das war hier wohl so Brauch. Die Portugiesen waren freundlich und strahlten zeitlose Ruhe aus. Unvergesslich, wie sie mit dem Auto bis an den Kai vorfuhren, um die Angel direkt aus dem Fenster ins Meer zu halten.

Bis Lissabon kamen wir nicht mehr. Es blieb unser Traumziel. Bis heute. Immer noch.

© StellaArtois