Mein Herz schlägt doppelt

Brief an unseren schwerst-mehrfachbehinderten Sohn

Teil 5

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Dein Leben ist Rhythmus. Du lebst nach Deinem eigenen Takt. Du machst auf jedem Stuhlbein Musik. Du findest überall Dinge für Deine Klopfkonzerte. Metallrohre, Regalböden, Parkett. Du bist unermüdlich auf der Suche nach neuen Klängen. Du liebst alles, was Saiten hat. Das Echo beim Klopfen ist mit dem Körper spürbar. Genauso wie die Vibration. Auf meiner Gitarre hast Du zupfen gelernt. Ganz gezielt zupfst Du einzelne Saiten. Mit dem Daumen, mit dem Zeigefinger. Du zupfst immer wieder den gleichen Ton. Oder Du gehst die Tonfolge entlang. Du scratchst einzelne Saiten. Klimperst hohe Töne jenseits des Griffbretts, wo die Saiten zwischen der Mechanik wie Elfenmusik klingen. Du streichst mit der ganzen Hand sanft über alle Saiten. Klopfst mit dem Handrücken darauf. Wir kaufen Dir eine Ukulele, eine Kinderzither, eine Klangwiege. Eine Kantele für den Rollitisch. Du zupfst, klopfst, brummst Deine Musik. Du machst Die Welt zu Deinem eigenen Echo.

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Ich erinnere mich nicht mehr, wie es vor Dir war. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie es ohne Dich sein kann. Ich bin ich, nur noch durch Dich. Ich sehe mit Deinen Ohren. Ich fühle mit Deinen Händen. Ich höre mit Dir den Klang der stummen Dinge. Ich folge dem Rhythmus Deines Klopfens. Und lese Deine Musik als Dein eigenes Echo auf die Welt. Ich bin untauglich geworden für das normale Leben. Ich lebe mit Dir im Gegenrhythmus. Kopfüber zur Welt. Mit dem Ohr auf der Erde, den Himmel unter den Füßen. Vieles ist dabei kaputt gegangen. Nicht mehr reparierbar. In guten Momenten bin ich froh darüber. „Kaputt“ heißt dann nicht „Es geht nicht mehr“. Sondern: Erfinde Dich neu! Geliebter Sohn, Du hast mir gezeigt, wie es geht! Ich reise in drei Schritten um die Welt. Und sehe in einer Pfütze das ganze Meer. Jede schöne Sekunde erlebe ich als vollen Tag. Mit Dir bin ich mehr geworden. Vor Dir war ich nur halb. Mein Herz schlägt doppelt, seit Du bei mir bist.

© StellaArtois