Nichts tun

"Nichts tun / Nichts sein … Nur im Herbst eine Pflaume essen / Eine gelbe oder eine blaue“ Die Zeilen sind mein persönliches Mantra. Sie sind von Herbert Achternbusch. Vor Jahren habe ich sie auf der Buchmesse entdeckt. Auf einer Postkarte zum Mitnehmen. Ich liebe die Poesie dieses minimalistischen Gedichts. Spreche es oft still vor mich hin "Nichts tun / Nichts sein …" Und atme für Momente auf.

Manchmal ist mein Kopf so voll, da möchte ich einfach nur nichts tun. Manchmal ist mein Kopf so leer, da kann ich einfach nichts tun. Gestern war so ein Tag. Völlige Leere im Hirn. Gedanken-Nebel. Faul. Zu faul, um Entscheidungen zu treffen. Oder gar Entschlüsse zu fassen. Soll ich nach links oder rechts fallen? wird zur Frage des Tages.

Ich müsste ... die Steuer, die Post, der Müll. Ich kann mich zu nichts aufraffen. Erstmal spazieren. Ich fahre ziellos Richtung Siebengebirge. Das Lenkrad entscheidet, wohin. Aha! Das Wald-Freibad unterm Drachenfels! Noch geschlossen. Die Weide mit den Reit-Eseln: leer.

Ich gehe. Ohne Ziel. Die Füße geben die vertraute Richtung vor. Bergauf. Der Hohlweg unter Buchen, so hoch wie das Dach einer grünen Kathedrale, ist steil. Meine Beine sind schwer. Ich gehe Schritt für Schritt. Langsam, gleichmäßig, fast mechanisch.

Keine Menschenseele. Das Glöckchen vom Schloss schlägt zwölf mal. Ich habe Zeit. Drei Stunden Unendlichkeit. Auf dem Gipfel ein Wanderer, der sofort wortlos wieder verschwindet. Ich bin allein. Nur ein vergessener Rucksack auf der leeren Bank. Ich denke an nichts. Schaue hinaus. Die Landschaft liegt im Dunst.

Wieder zu Hause überlege ich zu saugen. Ich müsste putzen. Die Wäsche. Der Rasen. Statt dessen tue ich nichts. Ich bin heute einfach zu faul. Für alles.

Statt dessen schlendere ich ziellos durch unseren Kräutergarten. Sehe nach Eisenkraut, Ehrenpreis, Borretsch, Pimpinelle, Liebstöckl und Kümmel. Zupfe hier ein Gräschen. Streife da am Thymian entlang. Er antwortet mir mit einem Duftschwall. Die Estragonstängel sind schon kniehoch. Die Salbeiknospen stehen kurz vor der Blüte. Ich reibe ein samtenes Salbeiblatt zwischen Daumen und Zeigefinger und schnuppere. Fahre mit der Hand durch den Rosmarinbusch. Er summt vor Bienen.

Ich sehe auf die Uhr: erst drei! Ach, ich habe noch so viel Zeit! Andererseits: Jetzt lohnt's auch nicht mehr, noch was anzufangen. Also lege ich mich aufs Sofa und schlummere sofort ein. Wache nach gefühltem Tiefschlaf auf und schaue verdutzt auf die Uhr. Kurz vor vier! Hilfe! Mein Sohn steht doch schon um vier vor der Tür! Ich habe beim Nichtstun die Zeit vergessen und verdreht! Erst jetzt merke ich, wie entspannt ich bin. Mein Sohn kann kommen!

Die Achtsamkeits-Industrie würde dafür Geld nehmen: für Wald-Therapie, Geh-Meditation, Kräuter-Sinnes-Übung und das Power-Napping .

Ich halte es da lieber mit Herbert Achternbusch:

NICHTS TUN

Nichts tun

Nichts sein

Selbst mit dem Gebet

Läuft die Zeit davon

Nur im Herbst eine Pflaume essen

Eine gelbe oder eine blaue

© StellaArtois