Reality TV

Ein Zimmer wie aus einer TV-Krankenhausserie. Farbige Wände mit edlem Holz. Die Versorgungs-Anschlüsse für Sauerstoff sind diskret verdeckt. Rote Sessel und Sofa. Bodentiefe Fenster. Davor ein Sinnesgarten mit bunten Blumen. Eine Idylle. Solange man nicht auf den Gang hinausgeht. Ein grell beleuchteter Korridor mit Sichtfenster zum Schwesternzimmer. Wie auf jeder anderen Krankenhausstation auch.

Benedikt hört man über den ganzen Flur. Er ist für einige Wochen alleine hier. Es ist eine beunruhigende Mischung aus Stöhnen und einer Art Brunftlaut. Er ist bereits achtzehn Jahre. Seine Stimme ist tief wie die eines jungen Mannes, obwohl sein Körper nur aus Haut und Knochen besteht. Die Unterschenkel ragen aus den Strickbündchen seiner Gießwein-Pantoffeln wie zerbrechliche Äste.

Man weiß nicht, warum er manchmal so stark lautiert. Vielleicht wirken seine Laute auch nur auf uns so beängstigend. Es ist einfach seine einzige Möglichkeit, Schmerz, aber auch Freude und Zufriedenheit auszudrücken.

Manchmal ist er jedenfalls ganz still. Zum Beispiel, wenn eine Krankenschwester seine Hände massiert. Dann kann man zusehen, wie seine dauerhaft angespannten Gliedmaßen ein wenig weicher werden. Einige Augenblicke lang meint man zu sehen, wie er lächelt. Obwohl seine Gesichtszüge unbeweglich bleiben und seine Augen, wie immer, ins Nichts zu sehen scheinen.

Ein etwa neunjähriges Mädchen wird von ihrer Mutter im Rollstuhl herumgefahren. Rund um ihren Mund hat sich ein rotbraunes Ekzem gebildet, von der Nase bis zum Kinn und weit in die Wangen hinein. Erst bei näherem Hinsehen kann man erkennen, dass es sich offenbar um getrocknetes Blut handelt. Ihre komplette untere Gesichtshälfte ist verkrustet.

Auf ihrem beigen Strickpullover sind frische Blutspuren zu sehen. Die Öffnung für den Kopf wurde augenscheinlich grob aufgeschnitten, damit die Wunden beim An- und Ausziehen nicht immer neu aufreißen. „Blasenbildende Hauterkrankung“ heißt die Diagnose. Wenn sie sich nach dem Essen den Joghurt vom Mund abwischt, kommt unter der Kruste das rohe Fleisch zum Vorschein.

Intellektuell ist sie altersgerecht entwickelt. Ihr „Nein“, das man immer wieder über den ganzen Flur hört, schreit sie jeder Schwestern entgegen, die ihr Zimmer betritt. In Wahrheit gilt es ihren Schmerzen. Weinen sieht man sie nie. Nur ihre junge Mutter erzählt davon. Oben im für Eltern reservierten Bereich.

Am schlimmsten seien die Nächte. Wenn ihre Schmerzen so groß sind, dass auch die höchste Dosis Morphium nicht mehr hilft. Dann grabe sie weinend die Hände in ihr Stofftier. Berichtet ihre Mutter scheinbar nüchtern. Den Rest erzählen ihre rot geränderten Augen.

Gestern habe sie versucht, ihre Tochter mit Hilfe der Krankenschwester zu baden, erzählt sie. Die Schwester habe sie danach gefragt, wie es für sie gewesen sei. „Wenn nur ihre Schreie nicht wären …“, habe sie geantwortet, sagt sie.

© StellaArtois