Seelen-Klänge

Erkennen heißt unterscheiden und untergliedern, vermessen und vergleichen. Was, wenn Schuld bereits mit dem ersten Vergleich beginnt? Kinder vergleichen von Anfang an. Gnadenlos. Wer kann etwas besser als der andere? fragen sie. Die Eltern sind ihr Maßstab.

Das ist auch bei kranken und behinderten Kindern nicht anders. In diesem Wettkampf um Leistung haben wir von vorneherein verloren. Egal, ob wir uns mit Eltern schwer sehbeeinträchtiger Kinder treffen. Oder ob wir uns mit Eltern geistig behinderter Kinder austauschen. Unser Sohn schießt mit seinem Behinderungs-Mix ohnehin fast überall den Vogel ab.

„Was erwarten Sie von mir?“ fragt die Klangtherapeutin der Sehfrühförderung mich beim Kennenlernen.

„Dass es unserem Sohn gut geht. Dass er genießen darf.“ antworte ich ohne nachzudenken.

Sie sieht mich überrascht an. Meine Antwort ist offenbar sehr selten. „Die meisten Mütter wollen, dass ihre Kinder hier in der Sehförderung etwas lernen! Dass sie weiterkommen!“

Ab diesem Augenblick sind Monika und ich Freunde. Jede Woche fahren wir von nun an zur Musiktherapie. Ob im Schlaf oder wach, ob weinend oder entspannt. Sehr oft ist nicht viel möglich. Weil Müdigkeit oder schlechte Tagesform nicht viel zulassen. Aber das wenige ist für uns sehr viel.

Auf Klangschalen reagiert mein Sohn sofort. Ihre starke Vibration zieht seine Hände und Füße magisch an. Mit dem ganzen Körper kann er die Klangwellen spüren. Sogar Kopf und Lippen wollen das Metall erfühlen. Selbst im Schlaf. Im Klangbad, eingekreist von Schalen unterschiedlicher Größe und Tonhöhe, entspannt der ganze Körper sichtbar. Das Aufregendste: In der größten Klangschale zu sitzen! Die Vibration geht durch und durch. Nur noch übertroffen von der Klangwiege, in der er nicht nur liegen, sondern auch schaukeln kann.

Mein Sohn lernt Klangkisten, Sansuelas und asiatische Gongs kennen. Wir lauschen gemeinsam, wie Rahmentrommeln, Hapi-Drums und Kantelen klingen. Er lernt zu klopfen, trommeln und zu zupfen.

Wenn gar nichts geht, weil die Tagesform nicht mehr zulässt, machen Monika und ich für ihn Musik. Spielen Gitarre und Querflöte. Uns macht es Spaß, und unser kleiner Musikfreund genießt es sichtlich. Er strahlt, wiegt sich im Takt hin und her und lauscht mit allen Sinnen.

Mehrere Jahre machen wir zu dritt Musik. Mit der Zeit werden wir zu einem perfekten Trio. Unser Zusammenspiel ergänzt sich. Wir freuen uns auf jede Stunde.

Mein Sohn lernt unglaublich viel. Das Meiste bringt er sich selbst bei. Die Klangschalen mit den Fingerknöcheln in Schwingung zu versetzen. Durch die Hörlöcher der Klangwiege selbst in die Saiten zu greifen. Die Trommel laut zu schlagen, leise zu streicheln oder zu schaben und mit den einzelnen Fingern über das Trommelfell zu klimpern. Wie er aus eigenem Antrieb immer neue Klangwelten für sich erschließt, bringt uns ins Staunen.

Manchmal frage ich mich im Stillen, wer hier eigentlich von wem lernt. „Milo ist mein Zen-Meister!“ sagt Monika.

© StellaArtois