Transeuropa Express

Geflogen sind wir seit dreizehn Jahren nicht mehr. Wir waren noch niemals in Madrid, Stockholm oder Rom. Noch nie in Prag, Lissabon oder Wien. Europäische Städte, in die unsere Babysitter meist schon als Schüler jetten. Obwohl wir vor der Geburt unseres schwerst-mehrfachbehinderten Sohnes gerne und viel gereist sind. Nie weit in die Ferne. Meist in Europa.

Früher waren wir zur Magnolienblüte regelmäßig in Paris, heute geht’s im Frühjahr zum Wandern ins Siebengebirge. Super fürs ökologische Karma. Scheiße fürs Lebensgefühl. Statt auf der Rambla von Barcelona flanieren wir am verlängerten Wochenende den Rhein entlang, ein paar Fußminuten weit entfernt. Zugegeben: Das Publikum auf unserer Godesberger Rheinpromenade ist ziemlich europäisch. Kaum ein Spaziergang, an dem man nicht mindestens eine Handvoll unterschiedliche Sprachen veschiedenster Herren Länder hört. Wenn man die Länderflaggen der Rheinschiffe nicht mitzählt.

Manchmal schaffen wir es nicht mal bis an den Rhein. Dann begrüße ich Europa von zu Hause aus. Winke unseren italienisch-bulgarischen Nachbarn aus dem Küchenfenster, wenn sie morgens bei uns vorbei kommen, um zur Arbeit bei der UN aufzubrechen. Horche, wie die Mutter der neu eingezogenen sechsköpfigen britischen Familie gegenüber ihren Kindern „Bye bye!“ hinterher ruft, wenn sie mit dem Rad zur International School fahren. Und gestern, ich gebs zu, hab ich heimlich einem Gespräch jenseits unserer Hecke gelauscht. Und erfahren, dass die wilde Trödelmarkt-Katja also mal mit einem Niederländer verheiratet war! Und Frau Kinkel, die Oma mit dem Raucher-Bass, in ihrem vorigen Leben in Frankreich gearbeitet hat! Wer hätte das von den beiden gedacht!

Stimmt eben doch, was Marcel Proust schreibt: „Die besten Entdeckungsreisen macht man nicht in fremden Ländern, sondern indem man die Welt mit neuen Augen betrachtet.“ Heißt mit anderen Worten: Wie weit Du reist, bestimmst Du selber!

Also greif ich mir „Bento’s Skizzenbuch“ aus dem Regal. Um vom englischen Dichter John Berger etwas über die Kunst der „Ways of Seeing“ zu lernen. Danach lege ich mir den "Transeuropa-Express" von Kraftwerk auf. Das Beste, um kurzzeitig die Betriebsgeräusche unseres Sohnes zu übertönen. Als der nach 24 Stunden endlich einschläft, stimme ich auf meiner spanischen Gitarre Beethovens Europahymne "Ode an die Freude" an. Jetzt zum Italiener! Geht leider nicht! Dann koche ich halt selbst. Minestrone nach Originalrezept. Mit weißen Bohnen, ausgelassenem Speck, Knoblauch und Parmesan. Während sie kocht, schreibe ich noch schnell eine Whatsapp an meine österreichische Freundin Maria, um sie zu fragen, wie sie süße Griesnockerln macht. "Gar nicht" ist die Antwort. Statt dessen gönnen wir uns zum Nachtisch „Wilde Erdbeeren“, den Film-Klassiker des schwedischen Kult-Regisseurs Ingmar Bergman. Vor dem Schlafen geben wir uns noch mal Kraftwerk mit "Endlos Europa..."

Da sage noch einer, wir würden was verpassen!

© StellaArtois