Poolitisch korrekt?

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Poolitisch korrekt? | story.one

Pool einlassen – jetzt? Wie kannst du nur – in diesen Tagen!

Das ständig, fast schon mit Grabesstimme vorgetragene „in diesen Tagen“ zeigt Wirkung. Meinen inneren Kritiker haben die selbsternannten #stayhome-Aufpasser schon ziemlich stark infiziert, merke ich. Und hinter der noch blattlos-kahlen Gartenhecke bleibt Spaziergängern nichts verborgen.

Die heuer nur dünne Eisschicht des milden Winters ist länst geschmolzen. Wohlig warm fühlen sich die Natursteine der an den Pool angrenzenden Terrasse unter den nackten Füßen an. Die ungetrübt vom wolkenlosen Himmel scheinende Aprilsonne lädt fast fordernd zum Frühjahrsputz. Vereinzelte braune Blätter treiben im Restwasser. Und eine tote Maus: Der vermeintlich rettende Sprung vor der Katze war fatal. Einmal mehr zeigt sich: Angst und Panik sind keine guten Ratgeber.

Langsam emanzipiere ich mich von meinem inneren Kritiker. Wieso bitte nicht? Der Händler für Poolzubehör freut sich sehr über meine Chlor-Bestellung, liefert umgehend mit 10% Corona-Rabatt. Auch der Installateur ist gleich zur Stelle, um die durch den Frost wieder einmal undicht gewordene Solaranlage zu reparieren. Und Wasser gibt es schließlich – trotz allgegenwärtigem Händewaschen – auch noch reichlich. Kein Grund für ein schlechtes Gewissen also.

Die Nachbarn wissen ohnehin alle, dass die Kombination aus vormittäglichem Skifahren im Firnschnee und nachmittäglichem Eintauchen ins Wasser jedes Jahr meine größte Osterfreude ist.

Doch noch ist der moralische Ringkampf nicht ganz gewonnen. Soll ich - soll ich nicht? Bis mir endlich das entscheidende k.o.-Argument kommt: Ich brauche zur Stärkung meiner Gesundheit dringend den Kneipp-Effekt des kalten Wassers. Nach Wochen des Eingesperrtseins ist es um das kollektive Immunsystem ohnehin schlecht bestellt. Da gilt es nachzubessern, zumindest individuell – je früher desto besser.

Und auch eine ausreichende Vitamin D-Versorgung ist derzeit nur in der Badehose gewährleistet. Denn im Gesicht ist mit Maske nicht viel zu holen.

Blau und glitzernd liegt er da. Mit einem Kopfsprung eröffne ich die Saison. Gewagt - und ein Schock für den inneren Kritiker. Denn das frisch eingelassene Wasser ist wirklich kalt, eiskalt. Er schweigt jetzt endgültig. Dafür strahlt mein Bade-Herz vor Glück. Noch eine Stärkung meiner Abwehrkraft.

© Stephan Hofinger 18.04.2020