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Tante Ernas Geburtstagsfahrt

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Tante Ernas Geburtstagsfahrt | story.one

Es ist wieder soweit, Tante Erna hat Geburtstag! Eine hemdsärmelige Steirerin von altem Schrot und Korn, Ende 60, wanderlustig, ein wenig überschwänglich emotional, exzentrisch und eigen. Man weiß oft nicht, wie und was sich bei einem Besuch entwickeln kann. Erzählt man etwa ein Ereignis, reagiert Tante Erna mit einem ganz anderen Thema darauf. Zur Veranschaulichung:

Ich:

„Gestern haben wir in dem Restaurant X, welches ganz neu eröffnet hat ein wirklich gutes Kalbsschnitzel gegessen.“

Tante Erna:

„Ja, jetzt ist es ja auch wieder heller um diese Uhrzeit.“

Und nein, sie ist nicht senil oder dergleichen, sie weiß alles. Ich glaube eher, Tante Erna ist schon sehr lange alleine. Und sie ist auch einer der Menschen, die ohne „Vorgeschichte“ einfach mit einem Satz, wenn man gerade damit nicht rechnet, anfängt wie zum Beispiel: „Was glaubst was mir der Fuß wehtan hot?“ Dann ist man natürlich gefordert den Anfang der Geschichte dieser Aussage von ihr zu erfragen. In der Kirchengemeinde ist Tante Erna ebenfalls aktiv, kümmert sich um Mitbewohner in ihrem Wohnhaus und fährt, ja, auch Auto, jedoch nicht unbedingt mir der defensivsten Fahrweise.

So kam es, dass wir Tante Erna zum Essen ausführten, oder sie uns. Es war Sonntag und im ländlichen Raum ist im Februar da leider auch nicht jedes Lokal oder Wirtshaus geöffnet. Eines jedoch sollte es angeblich sein und als wir in mein Auto einsteigen wollten, sagte Tante Erna: „Na i foahr!“ und steuerte auf ihren weißen Golf zu. Meine Partnerin und ich warfen uns einen schicksalshaften Blick zu. Also im Fahrzeug platzgenommen, sie vorne ich hinten. Tante Ernas Auto hat durchaus Messi-Charakter. Von Fetzen, Sackerln, Zeitungen, einem Weidenkorb und diversen anderen nicht identifizierbaren Gegenständen war alles vertreten, was ein guter 1 Euro Shop im Angebot hat. Habe ich auch ein Jesuskreuz gesehen? Oh ja, am interessantesten war, dass hinter dem Fahrersitz 2 Paletten Grabkerzen mit je 20 Stück lagen. „Wos glaubst, wie oft i am Friedhof bin?“ war die Gegenfrage von Tante Erna, auf die Frage meiner Partnerin, ob diese Menge nicht doch ein wenig übertrieben wäre. Die Fahrt zum Lokal war leider vergebens, da dieses doch auch geschlossen war. Aber Tante Erna gab nicht auf. Wir tingelten dann noch einige Zeit durch die umliegenden Dörfer, dabei war es einmal mit dem Vorrang im Kreisverkehr sehr knapp für uns, ein anderes Mal hauchdünn beim Umdrehen auf der Landstraße, war bei einem entgegenkommenden Fahrzeug ein „Des geht si scho aus“ Tante Ernas kompetenter Rallye-Kommentar. Letztendlich gab es doch noch ein Geburtstagsessen und, sonst würdet ihr das nicht lesen, auch noch eine erfolgreiche Rückfahrt.

Und obwohl ich innerlich durchaus mit dem Gedanken spielte mein Testament zu machen, hatte ich eine tröstliche Gewissheit. Sollten wir die Autofahrt nicht überleben, hätten die Einsatzkräfte an der Unfallstelle zumindest gleich ausreichend Grabkerzen zum Aufstellen parat.

© Stephan Pokorny 25.05.2020

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