Unerwünschtes Flugobjekt

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Unerwünschtes Flugobjekt | story.one

Ich meine, Friedhöfe haben ja heutzutage ihren ausschließlichen Nimbus der Trauer und Andacht verloren. Gerade der Wiener Zentralfriedhof hat in den letzten Jahren ein neues Gesicht als „Allround-Touristen und Freizeitpark“, wenn man so sagen möchte, gezeigt. Die Konditorei Oberlaa hat eine Dependance dort, es gibt Fiakerfahrten, Führungen, ja auch ein Bestattungsmuseum und einmal im Jahr Konzerte und Vorträge auf dem Gelände. Radfahrer und Läufer sind immer mehr anzutreffen.

Und das ist alles gut so, denn die wunderschöne Anlage hat einerseits einiges vor allem an verstorbener musikalischer und geschichtlicher Prominenz zu bieten, einen hohen Erholungswert mit großer Tierwelt zwischen Feldhamster, Rehen und sogar Greifvögeln und da der Tod ja angeblich auch ein Wiener sei, irgendwo wahrscheinlich auch den offiziellen Firmensitz des Sensenmannes.

Aber kennen sie auch den Friedhof Feuerhalle Simmering gegenüber von Tor 2? Die Anlage steht ein bisschen im Schatten ihres großen Bruders und lädt ebenso durch seine Grünanlagen und von C. Holzmeister gestaltete Gebäude und Urnenhaine zum Erkunden ein. Es ist schon erstaunlich, dass von uns Menschen, nach einem mehr oder weniger langen Leben gerade mal ein wenig Asche überbleibt, welche in ein kleines Gefäß passt, welches dann bei den Angehörigen zu Hause, in der Erde oder, wer es sich leisten kann in einer Nische in der Wand seinen Platz bekommt. Dass es aber auch manchmal nach dem Leben in so einer Nische sehr eng werden kann, erlebte ich vor einigen Jahren.

Bei einem frühsommerlichen Spaziergang entlang einer der Kolumbarien, stand eine ältere Dame vor einer der Nischen, welche damals schon sehr baufällig waren. Sie fragte uns, ob wir denn hier auch jemanden hätten. Wir verneinten und wollten schon weitergehen, da erzählte sie uns fast flüsternd: „ Ja, mein Mann ist bereits verstorben und hier bestattet“. Die Steinplatten welche diese Nischen bedeckten, waren schon teilweise herausgebrochen und man konnte somit die Urnen etwas sehen. „Aber“, so fügte sie auf einmal laut und mit dem Finger auf die Nische deutend an, „Der alte Bock hat testamentarisch verfügt, dass seine heimliche Geliebte da auch reingekommen ist!“ Meine Begleitung und ich sahen uns ungläubig an. Irgendwie wussten wir nicht was wir dazu sagen sollten, war es schon etwas anstrengend jetzt nicht laut loszulachen. Aber viel Zeit etwas zu erwidern hatten wir ohnehin nicht, denn sie fügte sofort diesmal aber auf einen Komposthaufen auf der anderen Seite deutend hinzu „Aber eins könnt ihr mir glauben, das erste was passiert, ist, wenn die Platte da ganz kaputt ist, dass die Urne von der da rüber fliegt!“ Nun ja, wir bedauerten die Situation, wünschten das Beste und verabschiedeten uns.

Manche zwischenmenschliche Konflikte sind wohl einfach nicht einmal nach dem Tod zu Ende, aber beim nächsten Besuch werden wir aufpassen, dass wir ja nicht unabsichltich von einer fliegenden Urne getroffen werden.

© Stephan Pokorny