Trampen für die Menschlichkeit

Ich bin der Meinung, dass unsere westliche Welt wieder ein besserer Ort wäre, wenn mehr Menschen per Anhalter fahren würden.

Ich kannte das Trampen nur aus Kindheitszeiten nach Familienwanderungen. Mein Vater nahm mich dann stets an der Hand und stellte sich gemeinsam mit mir an die Straßenseite. Selbstverständlich mussten wir nicht lange warten – immerhin waren wir einerseits kein gerade furchterregendes Bild (die süße Blondine und ihr attraktiver Vater), andererseits waren wir auch ganz klar als Wanderer zu erkennen. Und in den Alpen gelten ohnedies andere Regeln.

Als mich meine kanadische Hippiefreundin Nadine Jahrzehnte später fragte, ob ich nicht mit ihr durch Schottland trampen möchte, dachte ich, sie versucht mal wieder ihre kanadischen Sitten nach Europa zu importieren. Nachdem sie jedoch nicht davon abwich, realisierte ich, dass das tatsächlich mein nächstes Abenteuer werden würde. Diese Woche durch das verregnete, eiskalte Schottland war die erste von vielen (vor allem in wärmerem Klima). Heute kann ich mich nur herzlich bei meiner Kanadierin bedanken, dass sie mir den Schlüssel zu dieser Welt so innigst ans Herz legte.

Das Trampen hat meine Augen weit mehr geöffnet als meine Auslandserfahrung, meine Schulbildung und all meine Reisen davor zusammen. Trampen erinnert ein wenig an diese furchtbare Teambuilding-Übung, bei der man sich rückwärts in die Arme des Anderen fallen lassen muss. Man weiß, dass eigentlich nichts passieren wird. Und doch fällt es einem beim ersten Mal schwer...bis man vom Gefühl der Ekstase überrollt wird.

Es sind drei Elemente, die mir am Trampen ganz besonders gefallen und die wichtig für unsere heutige westliche Gesellschaft wären. 1. Man lernt auf seinen sechsten Sinn zu hören – auch Bauchgefühl genannt. Man spürt sehr schnell, ob etwas nicht passt. 2. Man hört auf wählerisch zu sein, sondern nimmt das, was das Leben einem bringt. Sei es ein Ferrari oder ein jahrelang ungeputzter Honda. Denn beide bringen einen letztendlich dem Ziel näher. Nach einer Weile fängt man wirklich an, stark an Karma zu glauben. Wer Anderen Gutes zufügt, der wird auch Gutes erfahren. 3. Man bekommt einen Einblick in die Welten anderer Menschen, die man auf der Straße vielleicht nicht einmal bemerken würde, geschweige denn sich mit ihnen freiwillig auseinander setzen würde. So ein Fahrzeug bietet geschützte vier Wände, in denen man anonym seine Geschichte erzählen, von Ängsten, Trauer oder Glück berichten kann und nicht be- oder verurteilt wird. Es gibt kaum ein schöneres zwischenmenschliches Gefühl auf Erden, als wenn sich das Gegenüber einem komplett öffnet.

Diese drei Lernelemente – Stärkung des Bauchgefühls, Genügsamkeit durch gutes Karma sowie zwischenmenschliche Offenheit über Hierarchien und Kulturen hinweg – können nur einen positiven Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten. Daher rufe ich:

Auf, auf, ihr Reisewütigen dieser Welt. Fangt an zu trampen!

© StephyG