Apfelstrudel für Russen

„Die Russen kommen“, rief mir mein Kollege Stefan zu und ich wusste: Jetzt wird es super stressig. Die Damen im fetten Pelzmäntel nahmen auf den weißen Stühlen, auf den tiefroten und mit Samt bezogenen, Platz.

Von Tierschutz hatten sie wohl noch nie etwas gehört. Der scheint noch nicht über das Uralgebirge geschwappt zu sein. Am liebsten würde ich heimlich Strudel in ihre Mäntel reiben oder Kaffee darüber tröpfeln lassen! Wir servierten den fünfunddreißig Personen in Windeseile Kaffee, Tee und Kakao. Mit Thermoskannen ging ich durch, und mein Kollege servierte den Tee und den Kakao. Eine Mutter deutet mir, dass auch ihr achtjähriger Sohn Kaffee bekommt. Sie muss sich wohl verhört haben: "It‘s coffee!", mache ich sie aufmerksam.

„Da, coffee!“ – „Da“ heißt „ja“, wie wir alle wissen. Auch die übrigen Kinder ab sieben bekamen alle Kaffee mit moloke, von ihren Eltern verordnet. Andere Länder, andere Sitten. Wir, die Backstubencrew, wollten um das Kindeswohl schon eingreifen, waren aber letztendlich froh, dass die ihren Kindern keinen Wodka in den Kaffee schütteten.

Der Reiseleiter Dimitri ist der beste von allen russischen Reiseleitern. Er kommt stets pünktlich mit seiner ledernen Aktentasche, die er bei uns hinten im Kammerl bis zum Ende seiner Tour hinterlässt. Auf seiner Nase trägt er eine moderne Brille, die zu seinen melierten, etwas längeren Haaren und zum Nadelstreifen-Anzug perfekt passt. Nachdem alle russischen Gäste Platz genommen und ihren Strudel bereits zu essen begonnen haben, fangen wir mit der Show an. Er will die Show immer ganz kurz und knackig. Sieben Minuten höchstens. Ich bin bereit, ein Blick zu ihm, er auch.

„Mi nasna wut Sonja“, begrüßte ich die Gäste und eröffnete so die Show. Das Publikum war erstaunt und erfreut zugleich, handelt es sich doch um einen waschechten russischen Namen. Meine weibliche russische Fangemeinschaft, die sich blitzschnell formierte – es handelte sich um zwei Tische voll mit glitzernden Diamanten besetzten eurasischen Frauen – riefen begeistert: „Sonitschga!“

Es ist der Auftakt zu einer raschen und impulsiven kulinarischen Demonstration. Dimitri erklärt auf Russisch alles und ich zeige zuerst die Zutaten her und dann rolle ich den Teig aus und werfe ihn in die Luft. Fotosession. Jetzt haben alle ihre Handys und Kameras herausgeholt und ich mein Apfelstrudelshowgrinsen ausgepackt. Langsam schiebe ich das Rezept unter den Teig und er ist so durchsichtig, dass man durch den Teig lesen kann! „Falls sie zuhause nicht durchlesen können, nehmen sie doch eine Zeitung mit einer dicken Überschrift, dann geht das auch!“

Nachdem die Show aus war und alle Gäste wieder Richtung Kaukasus unterwegs waren, legten wir "Queen" auf und waren in Feierabendlaune mit:

"Show must go on!", trällerten wir und fühlten uns frei. Bis die Oberkellnerin herunterkam und uns aufmerksam machte:

„Euch hört man bis rauf ins Restaurant!“

© Sternenkind