Lebenslauf reduziert

Ich sitze bei einem Vorstellungsgespräch in einem Büro. Sie befragen mich zu zweit und haben den Lebenslauf, den ich ihnen per E- Mail geschickt habe, vor ihnen liegen. Es ist schon seltsam, wie ich mich hier „verkaufen" soll! Auf Herz und Nieren wird mein CV geprüft. Jede Etappe abgefragt. Ich komm mir vor wie in der Schule bei einer mündlichen Prüfung. Der Lebenslauf ist wohl meine Schularbeit.

Mensch echt jetzt! Ich bin 39 Jahre alt und habe echt schon viel erlebt und gearbeitet, was wollen die von mir? Die „Lehrerin", also die Reporterin, ah ich meine die Chefin, fragt mich:" Was bedeutet, dass sie haben viel gearbeitet?" Anscheinend habe ich laut gedacht. All die Gratishefte, die ich am Flughafen in Schwechat ausgeteilt habe, kompensiert in einer Zeile. Die ganzen Kinotickets von Spiderman bis Herr der Ringe sowie tonnenweise Popcorn und literweise Cola, die ganzen Menüs und die Kindergeburtstage mit den schreienden Kindern und hektischen Müttern nehmen nicht mal eine Zeile ein?

1000 Reservierungen, die ich telefonisch angenommen und in den Computer eingegeben habe. Sowie hunderte Karten, die ich abgerissen und die Leute auf ihre Plätze eingewiesen habe. All die dreitausendvierhundertneunundzwanzig Strudel, die ich während der Show, gebacken habe – eine Zeile. Die mindestens viertausendsiebenhundertachtundneunzig Fragen, wo die Toilette sei. Tausensiebenhundertdrei Fragen, wo die Bahn sei und wie man zum Stephansplatz oder zur Oper komme.

Die Hunderte Male, in welchen ich das Geschirr abgeräumt und das neue Geschirr wieder in die Regale gestellt habe. Tabletts vorbereitet habe mit dem Meindl Kopf und die Tässchen dazu sowie die Löffel. Für all die russischen Gruppen, die immer zu uns gekommen sind sowie die deutschen Gruppen, die mit den Schiffen angekommen sind. All dies in einer Zeile?

All die Handys, die ich angemeldet habe und die Festnetztelefone, die mit einem Kürzel günstiger telefonieren könnten. All die Leute, die ich angesprochen habe, ob sie nicht billiger telefonieren wollten?

All das in einer Zeile? All die schreienden, streitenden Kinder in den unzähligen Kindergärten, in welchen ich Vertretung gemacht habe. All die Sorgen und Ängste der Eltern abzufedern in zwei oder drei tabulatorischen Zeilen. All meine Ausbildungen vom Fotokolleg, Werbekolleg, Kinder und Sozialkolleg in vier Zeilen. All das Geld, das ich mir mühselig zusammengespart habe, um eine weitere Ausbildung zu haben.

Bei den Wiener Festwochen, wo ich Brandschutztüren bewacht habe, Programmhefte verkauft habe und den Einlass im Museumsquartier gemacht habe. Während meiner Schulzeit im Gymnasium habe ich immer beim Merkur Regale geschlichtet, bin mit dem Hubwagerl herumgefahren und habe geschaut, dass der Wein, das Mehl und das Salzgepäck nicht ausgehen!

Da fragt sie mich ernsthaft, wieso ich sage, dass ich viel gearbeitet hätte?

DAS ist mein Leben!

© Sternenkind