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Rohbau und Eierspeis

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Rohbau und Eierspeis | story.one

Leider war nur der Rohbau fertig und dann passierte nichts mehr. Stillstand. Auf Eis gelegt. Als Kind spielte ich dort im Garten und pflückte die Blumen. Meine Eltern hatten immer irgendetwas im Bau zu tun. Für mich war es wunderbar hier. Ich konnte malen und spielen. Kein Problem, wenn ich mit den Wasserfarben kleckerte.

Eine Packung 3D Brillen hatte mein Vater einmal bekommen. Es waren aus weißen Karton ausgeschnittene Brillen. Eine Seite war mit roter Folie und die andere mit grüner Folie beklebt. Man konnte sie auf die Nase stecken. Das war ein super Spielzeug für mich. So konnte ich die grauen Ziegeln in Grün rot also 3 D begutachten. Der Himmel und die Wolken erschienen greifbar nahe. Wenn ich mein linkes Auge zukniff sah ich die Umwelt in einen tiefroten 80er Jahre rot und wenn ich das andere Auge schloss war alles dunkelgrün.

Eine Brille bekam ich meistens von ihm geschenkt, wenn wir beim Rohbau waren. Auf diese sollte ich acht geben! Ich behandelte sie stets wie einen Schatz und war von ihr fasziniert.

Nachdem wir den ganzen Tag am Bau waren bereitete meine Mutter ein simples Mahl zu. Auf einem alten Ofen, den mein Vater an der Kabelrolle mit Strom aus dem Baustromkasten versorgte, briet sie in einer Pfanne Eier. Normalerweise konnte ich Eierspeise überhaupt nicht ausstehen. Ich liebte weich oder hart gekochte Eier, aber für die gab es kein Wasser. Fließendes Wasser gab es noch nicht im Haus. Mein Magen knurrte. „Sonja magst auch ein Spiegelei und ein Brot?“

„Nein, danke.“ , mir grauste vor Spiegelei und aß an meinem trockenen Stück Brot. Meine Eltern aßen genüsslich ihre frisch gebratenen Spiegeleier währenddessen ich an der langweiligen Brotscheibe nagte. Mit einem großen Schluck Mineralwasser aus der grünen Pfandflasche versuchte ich es irgendwie hinunterzuspülen.

„Kann ich doch ein Ei haben?“ bat ich meine Mutter.

„Ja, natürlich“, rief die gelernte Köchin und schlug das Ei am Pfannenrand auf. Das Öl war noch heiß und so war das Spiegelei in wenigen Minuten fertig. Ich bekam es auf einem Teller serviert und kostete. Es war wundervoll. Noch nie hatte es mir so gut geschmeckt.

„Zur Not frisst der Teifl Fliagn!“, lachten meine Eltern.

Ich wunderte mich. „Wo ist der Teufel?“, erkundigte ich mich ängstlich.

„Das ist nur ein Sprichwort“, erklärte mir meine Mutter.

„Warum frisst der Fliegen? Schmecken sie ihm so gut?“, wollte ich wissen. Dass meine Eltern den Teufel und seine Essgewohnheiten kannten, wunderte mich. Meines Wissens lebte der tief unter der Erde irgendwo in der Hölle. „Na man sagt einfach so. Es ist eine Redewendung. Jetzt hast du so einen großen Hunger gehabt, dass du sogar ein Spiegelei gegessen hast“, erklärte mir meine Mutter. Ganz verstand ich den Zusammenhang zwischen den Teufel und mir nicht. Noch weniger zwischen den Fliegen und den Eiern.

Aber diese Erwachsenen sind ja immer für eine Überraschung gut!

© Sternenkind 30.06.2020

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