Rote Nägel

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Rote Nägel | story.one

„Was machst du da?“, fragte ich meine Mutter, die ein kleines, rotes Fläschchen am Tisch stehen hatte. Eine Hand lag aufgefächert auf dem Küchentisch und die andere hielt einen Minipinsel in der Hand. Langsam und vorsichtig tauchte sie den Pinsel in die tiefrote Farbe, strich über ihren Nagel. Diese dickflüssige Farbe verteilte sich träge auf der durchsichtigen Fläche. Es war für mich faszinierend.

„Ich lackiere mir meine Nägel!“, gab sie mir Auskunft. Lackieren tut sie sich die Nägel? Das machte in meinem vierjährigen Kopf keinen Sinn. Ich habe beobachtet wie der Nachbar sein Auto lackierte und wusste das Auto einen Lack haben.

Da blätterte der Lack ab. Der Zahn der Zeit hatte den Lack in die Mängel genommen oder besser gesagt der Rost. Das Lack-Abblättern konnte fand ich auch spannend. Diese Sprache ist schon sehr bildhaft, denn es erinnert mich doch an die bunten Herbstblätter, die vom Baum fallen. Da sagt man aber auch nicht, der Baum blättert ab. Na gut, also der Lack blättert ab. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Autolack gut für die Nägel meiner Mutter wäre und war über diese kleine Flasche auch verwundert. Wer hat ihr den Lack in so ein kleines Fläschchen umgefüllt? Der Nachbar kann es nicht gewesen sein, sein Auto hat er gerade blau lackiert!

„Woher hast du den Autolack?“, begann ich zu investigieren, ging ich der Sache nach. „Gekauft“, bekam ich als kurze knappe Antwort. Mama strich hatte die eine Hand bereits fertig und begann akribisch mit der anderen. Das ist jetzt schwieriger, mit Links.

„Aber Mama, ist das denn gut für dich“, erkundigte ich mich nach den gesundheitlichen Auswirkungen des Lackes.

„Wie gesund? Es sieht einfach sehr schön aus!“ Sie präsentierte die fertige Hand und 5 rote glänzende Fingernägel leuchteten mir im Küchenlicht zu.

„Ja es sieht echt schön aus. Aber ist es denn gut für dich? Sonst ist das ja nur für das Auto!“ besorgt, ließ ich nicht locker. „Fürs Auto?“, meine Mutter dachte nach und dabei hielt sie inne. „Der Lack!“, half ich ihr auf die Sprünge. „Ach so, nein das ist ein Nagellack. Das, was du meinst ist ein Autolack, der wird nur fürs Auto verwendet. Dieser rote Lack ist nur für Nägel gemacht!“

„Aha.“ Da war ich jetzt aber froh und mir leuchtete der Sachverhalt ein. Diese Menschen sind schon lustig, was die alles machen! Ist schon sehr spannend hier auf der Erde. „Darf ich auch einen Nagellack haben?“

„Mhh, ja, ich lackiere sie dir. Du musst aber still geben und nicht gleich spielen gehen. Er muss dann noch trocknen.“ „Sehr interessante Methode“, fand ich und meine Mutter strich mir meine kleinen Nägelchen. Es roch ganz stark nach Nagellack und ich wartete bis er trocknete. „Bleibt das jetzt für immer?“, erkundigte ich mich. Nein. Keine Angst. Den kann man wieder runter geben mit einem Nagellackentferner. Na bumm – das ist ja ein langes Wort! Sie tippte auf die Plastikflasche neben sich, die mir noch gar nicht aufgefallen ist. So funktioniert hier die Welt! Sehr spannend!

© Sternenkind 04.11.2019