Theater für Nonnen

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Theater für Nonnen | story.one

Der Saal ist überfüllt, die Nonnen der Schulschwestern haben sich in den ersten zwei Reihen gemütlich gemacht. Die restlichen Reihen sind mit Schulklassen unserer Schule gefüllt. Einige müssen sogar am Fensterbankerl stehen und auch seitlich an der Wand stehen SchülerInnen. Lampenfieber macht sich breit. Die Aufregung steigt. Ich bin die erste auf der Bühne und eröffne unser Stück, aber wo ist mein Buch- das Requisit? Der Scheinwerfer geht langsam an, ich muss improvisieren.

Improvisation ist das Wichtigste! Ich nehme den rot-goldenen Apfel und spiele mit ihm, wie die Prinzessin mit der Kugel im Märchen "Der Froschkönig".

Die rote Frucht wird von mir in die Höhe geworfen und wieder aufgefangen, während ich mit meiner "Theaterstück Schwester" schimpfe. Sie ist an einem Mann interessiert und will sich nicht mehr der Literatur und den Künsten hingeben, sondern sich anderem Zeitvertreib widmen! Versteckte Worte und Anspielungen auf Sex kamen schön verpackt in Versform über meine Lippen. Die Zeilen stammen aus der Feder eines Franzosen namens Moliere und das Stück "Die gelehrten Frauen".

Ob unsere Ordens-Schwestern den französischen Humor verstehen? Sie lachten und sogar manch eine sehr verklemmte und strenge Schwester Adele, fand es sehr amüsant. War ich froh.

Das Jahr darauf haben wir "Jedermann" aufgeführt. Mein Part war die Mutter und sogar der Teufel und das schnöde Mammon spielten mit. Manuela verkörperte letztere Allegorie. Stilsicher trug sie eine dunkle Sonnenbrille wie bei den Blues Brothers. Ein wunderschöner Anzug hüllte sie ein und ließ auf eine Bankangestellte oder Versicherungsvertreterin schließen. Gefüttert war dieser mit Monopoly Geld, da unsere Falsch-Geld-Druckmaschine im Keller gerade kaputt war. Auch kein simpler Laserdrucker lässt bis heute Geld drucken, aus Sicherheitsgründen.

Das fleischgewordenen Mammon sprang mit einem Satz auf die Bühne, bis ein Stück der Zigarre ab, spuckte es aus und rauchte auf der Bühne! Wie eine Exhibitionistin öffnete sie ihren Anzug und zeigte ihre Reize. Sie schüttelte etwas mit ihrem – ähm Oberkörper und das Geld blitzte auf.

Ihre Augenbraue zog sie hoch. Eine Aufforderung oder einfach ein subtiles Angebot der Verführung. Dabei paffte sie die Zigarre und hauchte "Jedermann" an. Das in einem katholischen Gymnasium in dem zu kurze Röcke verpönt waren!

Die Nonnen waren außer Rand und Band, sie fanden es lustig und applaudierten. So viel Leben hatte ich bis zu diesem Moment noch nie in ihren alten jungfräulichen Knochen gesehen. Mir fiel ein Stein vom Herzen! Die ganze Schauspielgruppe und unser Professor waren sehr erleichtert. Was wenn der Schuss nach hinten los gegangen wäre? Wenn die Nonnen empört gewesen wären und unser Lieblingslehrer von der Schule geflogen wäre!

Im Gegenteil, die Nonnen waren sehr angetan und grüßten unsere Gruppe und den "Fessor" besonders herzlich!

© Sternenkind