..als ich Erwachsen wurde

Es ist ein strahlend schöner Tag im Februar 1980. Man kann den Frühling schon riechen, obwohl noch einige kleinere Schneeflecken im Gras sichtbar sind. Gemeinsam mit meinem Stiefvater steige ich aus dem Auto und wir werden bereits von unseren Verwandten am Haupttor des Friedhofes erwartet. Meine Tante gibt mir eine weiße Rose und wir gehen alle zusammen zur Leichenhalle. „Mein Gott, wo kommen den so viele Menschen her, die kenn ich ja gar nicht alle! Ah, sogar meine ganze Schulklasse inklusive Lehrerin, die Nachbarn, Freundinnen meiner Mutter, aber all die anderen Menschen kenne ich nicht.“ Nach einer kleinen Ewigkeit begleitet die ganze Trauergemeinde den Sarg meiner Mutter zum Grab. Vor meinem Stiefvater und mir, der Pfarrer mit seinen Ministranten, dann die Verwandten und all die anderen. Die Totenglocke läutet in regelmäßigen Abständen und der Weihrauch zieht in Schwaden an uns vorbei. Erst als der Sarg in diese feuchte, leicht moderige Erde abgesenkt wird, realisiere ich, dass meine Mutter da drin liegt und nie mehr zurückkommen wird. Ein heftiger Schmerz zieht durch meinen Bauch und schnürt mir die Luft ab. Ich werfe die weiße Rose ins Grab, segne es mit dem bereit gestellten Weihwasser und stelle mich neben meinem Stiefvater. Viele weinen und wünschen uns ihr Beileid. Danach verlaufen sich all diese Menschen und wir fahren zurück nach Hause. Die engsten Verwandten sind noch mit zu uns gekommen und diskutieren. Ich versorge alle mit Kaffee und Kuchen. Meine kleine dreijährige Schwester sitzt bei meiner Tante am Schoß und genießt ihren Kakao. „Wie soll das denn jetzt nur weiter gehen...“ die Verzweiflung meines Stiefvaters steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Du bist nicht allein, wir helfen dir schon. Die Kleine ist halt arm, sie begreift es noch nicht, aber du“ plötzlich richten sich alle Augen auf mich „du bist ja schon groß, dreizehn, ja bald schon vierzehn, du hilfst dem Papa, gell.“ Ich nicke, trinke meinen Kaffee aus und stehle mich dann heimlich in das Schlafzimmer meiner Eltern. Da liegt sie, die Tasche, die sie meinem Stiefvater aus dem Krankenhaus mit gegeben haben. Etwas ängstlich öffne ich sie. Es ist die Kleidung meiner Mutter und ihr Ehering. Ich rieche an ihrer Bluse und der Schmerz überfällt mich wie ein wildes Tier. Auf dem Bett sitzend, wiege ich mich mit der Bluse vor und zurück. „Dagmar, wo bist du?“ schnell packe ich alles wieder ein. Verstohlen schleiche ich mich ins Bad und wasche mir das Gesicht. „Ich bin schon groß, ich muss jetzt stark sein, meine Schwester und mein Papa brauchen mich jetzt“. Ich gehe in die Küche. „Wo warst du denn so lange?“ etwas vorwurfsvolle Blicke streifen mich. „Mach bitte noch eine Kanne Kaffee und ein paar Wurstbrote, wir haben alle Hunger.“ Meine Schwester drückt sich an mich und ich gebe ihr ein Blatt Wurst. Sie schaut mich mit ihren großen blauen Augen dankbar an.

© Sterner