Liebe ist…

Es ist ein regnerischer Septembertag. Der Herbst kündigt sich schon allerorts durch fallende Blätter und kalte Windböen an. Meine Chefin schreibt das Mittagsmenü auf die Tafel. Die Kreide quietscht und der Hauskater sucht das Weite. „Frittatensuppe – Schweinekotelette mit Pommes und Salat – Schokoladenkuchen“. Derweil bereite ich alles vor, für den Ansturm der vielen Arbeiter und Angestellten aus den umliegenden Geschäften und Banken. Die ersten Gäste biegen schon um die Ecke und im Nu ist die Gaststube voll von hungrigen Menschen. Während ich die Getränke serviere, wird schon die Suppe gerichtet. Meine Chefleute und ich sind ein eingespieltes Team. Alles läuft wie am Schnürchen.

Um dreizehn Uhr ist der ganze Spuk vorbei und ich wische die Tische ab und fülle die Schank mit Getränken auf. Bald habe ich Zimmerstunde, das heißt von zwei bis sechs Uhr frei. Danach habe ich wieder Dienst bis Sperrstunde. Ich arbeite gerne hier, es ist viel Arbeit und viele Stunden aber die Wirtsleute behandeln mich fast wie ein Familienmitglied, haben mir ein kleines „Zu Hause“ gegeben. Während ich die Gläser spüle und darüber sinniere wieviel Glück ich mit dieser Stelle hatte, weiß ich noch nicht, dass dies mein letzter Arbeitstag hier sein sollte.

Zwei Polizisten betreten das Lokal. Sie scheinen dienstlich hier zu sein und fragen nach dem Chef. Das Bier fließt kühl in den Stammtischkrug und ich beobachte aus den Augenwinkeln die ungewöhnliche Szene. Mit ernster Miene kommt mein Chef auf mich zu. „Dagmar die Herren sind für dich da. Du kannst schon Zimmerstunde gehen und am Abend gebe ich dir auch frei.“ Ich verstehe nur noch Bahnhof. Was habe ich mit der Polizei am Hut?! Die beiden Polizisten bitten mich in die Küche. „Wir müssen ihnen leider mitteilen, dass ihr Stiefvater einen sehr schweren Verkehrsunfall hatte. Wir bitten sie daher uns in seine Wohnung zu begleiten, um den näheren Sachverhalt abzuklären.“

Schnell hole ich meine Jacke aus dem Personalzimmer. Atemlos vor lauter Aufregung treffe ich am Hauseingang auf Ron, meine neue Liebe. Wir sind erst seit drei Wochen ein Paar. Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit. „Soll ich mitkommen?“ besorgt blickt er mich an. Ich nehme dankbar an.

In der Wohnung meines Stiefvaters ist es wie immer penibel aufgeräumt. „Er musste mehrere Male wiederbelebt werden und liegt nun auf der Intensivstation im UKH Salzburg. Sein Zustand ist sehr kritisch. Durch Ermittlungen haben wir festgestellt, dass seine zehnjährigen Tochter Christina nun ohne Betreuung ist. Das Jugendamt hat uns ersucht, festzustellen ob sie in der Lage sind die Pflege zu übernehmen.“ Selbstverständlich bin ich einverstanden. „Wir werden jetzt das Jugendamt informieren, dass sie die Pflege übernehmen.“ Sie verabschieden sich und die Wohnungstür fällt mit einem leisen Klicken ins Schloss. Ron und ich sehen uns lange wortlos an. Er nimmt mich in den Arm und hält mich ganz fest. „Gemeinsam schaffen wir das schon.“

© Sterner