Limited Edition

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Limited Edition | story.one

Ihre graublauen Augen glänzen und um ihren Mund zuckt ein Lächeln. Sie kann ihre Freude kaum zurückhalten. Jede Faser ihres Körpers ist angespannt. Erwartungsvoll sieht sie mich an. „Na raus mit der Sprache, was ist los?“ „Ich hab sie, die absolut coolsten Schuhe, Nike, limited Edition, kosten normal 200 Euro und ich bekomm sie um 60 Euro! Aufgeregt schnappt sie nach Luft und kann ihr Glück kaum fassen. Mir schwant nichts Gutes. Ich lege wortlos den ersten Gang ein und fahre los. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf: „Wie kommst du zu solchen Schuhen?“ „Ja da gibt’s so einen Jungen, der verkauft die, um nur 60 Euro!“ Zu Hause angekommen, stürzt sie in ihr Zimmer und muss diese frohe Botschaft gleich mit ihrer besten Freundin via Handy besprechen. Ich schnapp mir die Hundeleine und dreh erst mal eine Runde mit meiner besten Freundin, meiner dreijährigen Hündin Fly. Die kühle Abendluft hilft mir beim Sortieren meiner Gedanken. Bei der Rückkehr lässt sich Fly mit einem tiefen Seufzer genüsslich in ihr Körbchen fallen, die Kaffeemaschine mahlt lauthals die Bohnen und brüht mit ihrem typischen geknatter den Kaffee. Meine Tochter steht im Türrahmen und schaut mich hoffnungsvoll an. Wir setzen uns auf die Eckbank und reden, ungestört. „Warum darf ich sie nicht behalten, das merkt doch eh keiner das die geklaut sind.“ „Doch Spatzi, ich und der Papa. Jedes Mal, wenn du diese Schuhe trägst werden wir daran erinnert, dass du geklaute Schuhe trägst.“ Sie windet sich regelrecht auf der Bank hin und her. „Aber das schlimmste ist, es ist jetzt wie ein Samenkorn in dein Hirn gepflanzt: klauen ist okay.“ Stille, außer dem Schnarchen unseres Hundes ist es ganz still geworden. „Ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch. Wenn ich die Arbeit bekomme und du dich dazu durchringen kannst das Richtige zu tun, schenke ich dir 50 Euro extra zum Taschengeld. Dann kannst du dir ganz legal ein paar schöne Schuhe kaufen. Bestimmt nicht so teure und auch keine limited Edition, aber ehrlich bezahlte.“ Sie schaut mich traurig und ein wenig beleidigt an. „Schlaf erst mal drüber und morgen sagst du mir wie du dich entschieden hast.“

In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen. Am nächsten Morgen sind meine Nerven zum Zerreißen gespannt. Mürrisch stapft sie ins Bad und braucht eine gefühlte Ewigkeit bis sie in die Küche kommt. „.. und wie hast du dich entschieden?“ Ein unfreundliches jugendliches:“ Jo Oida“ (Ja, Alter – ich hasse es, wenn sie so redet) „Ich gebe die Schuhe eh zurück und tu das nie wieder. Aber die 50 Euro bekomme ich schon, oder?“ Vielleicht habe ich mir diese Ehrlichkeit irgendwie erkauft? Nein, glaub ich nicht. Wir haben ein paar Tage später noch einmal bei einem Abendkaffee darüber gesprochen und eigentlich ist sie ganz froh keine geklauten Schuhe zu haben. Sie meinte das schlechte Gewissen hätte sie wahrscheinlich immer mit den Schuhen angezogen. Gut so Mädchen, ich bin sehr stolz auf dich und das habe ich ihr auch gesagt.

© Sterner 22.04.2019