Zu alt dafür?

Die Geldwaage piepst, 1 Cent, 2 Cent, 5 Cent,... “Hoffentlich stimmt heute meine Kassa” murmelt Andrea und legt ihre Münzschälchen auf die Waage. „Letztes Mal musste ich fast zwanzig Euro nachzahlen. So ein Mist!“ . Alle stimmen ihr zu. So etwas ist jedem von uns schon mal passiert. Meistens an solchen Tagen wie heute. Schlangen vor den Kassen und viel zu wenig Personal. Noch nicht einmal Pause kann man gehen, in neun Stunden Akkordarbeit. Nichts anderes ist es an der Supermarktkasse, immer freundlich und korrekt, Frechheiten überhören und Redseligen ein freundliches Zuhören schenken. Dabei schnell arbeiten und teilweise schwer heben. Die bösen Blicke der wartenden Schlange ignorieren und mit besonderer Freundlichkeit den Unmut der Kundschaft beschwichtigen. „So, die Stunde der Wahrheit.“ Jede Kassiererin fürchtet diesen Augenblick. Stimmt die Kasse? Oder nicht?.. „Ah, zwölf Cent zu viel! Bin ich froh.“ meint Andrea und packt schnell das Geld in die Tasche für den Tresor. Jetzt bin ich dran. Wie bitte 34 Euro zu viel?? „Hast du die Gutscheine eingegeben?“ fragt Marlene, die heutige Kassachefin. „Stimmt, die habe ich übersehen.“ Schnell gebe ich sie ein und die Kasse stimmt, Gott sei Dank. Meine Schulter schmerzt und ich bin froh, dass der Arbeitstag damit beendet ist.

„Machst du immer noch diese Abendschule?“ fragt Andrea neugierig. „Ja, ich brauche zwar etwas länger als die Anderen, möchte es aber gerne bis zur Matura schaffen“, antworte ich brav. „So ein Blödsinn, egal ob mit oder ohne Matura, für den Arbeitsmarkt bist du ohnehin schon zu alt. Du bist doch wie ich schon fünfzig. Was willst du da noch mit der Matura?! Vielleicht studieren bis du ins Altersheim kommst? Ha, ha...“ sie lacht sich krümelig. „Na und, mir macht es Spaß!“ Sie lacht weiter und wir gehen alle gemeinsam nach unten in den Verkaufsraum. Taschenkontrolle beim Filialleiter. Ein allgemeines „Schönes Wochenende“ und endlich frische Luft.

Es hat ganz leicht zu nieseln begonnen, die Luft riecht nach frisch gemähten Gras und man spürt noch die Wärme des zu Ende gehenden Sommertages. Das Auto ist von der Sonne noch ganz aufgeheizt und dampft nun in dem leichten Regen. Ich steige ein und überlege ob sie Recht hat. Jahrelanges in die Schule pilgern, jonglieren von Familie, Arbeit und Schule. Nur um dann im Altersheim gebildet zu sein? Nein, ich mache das für mich. Egal ob ich es beruflich einmal brauchen kann. Mein Leben lang wollte ich Dinge verstehen und begreifen, die in der Welt so vor sich gehen. Es ist ein harter Weg, oft bin ich am Verzweifeln, zwischen Euphorie und Hoffnungslosigkeit hin und her gerissen, aber ich mache weiter.

Der Motor brummt und ich fahre nach Hause zu meiner Familie... und ja ich bin schon fünfzig und ja ich gehe weiter in die Schule. Plötzlich überkommt mich gute Laune, denn ich habe begriffen, dass mich diese Aussage meiner Kollegin nicht verletzt hat, sondern mir Klarheit darüber geschenkt hat, was ich wirklich will. Danke!

© Sterner