Pioniere wie wir

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Pioniere wie wir | story.one

Manchmal frage ich mich, warum ich so bin, wie ich bin. Und was mir das Arbeitsleben manchmal so schwer macht.

Freude haben mich einmal gefragt, ob ich sie mal auf den Dachsteingipfel mitnehmen kann. Sie wären noch nie oben gewesen. Ich sagte, ja gerne, aber es sei nicht einfach im Winter.

Wir hatten eine Entscheidung zu treffen: Am Seil oder nicht?

Aufgrund der Bedingungen müsse jeder alleine gehen. Ich gehe vor, alle anderen folgen mir. Wenn es ihnen subjektiv zu gefährlich wäre, sollten sie umkehren. Darauf einigten wir uns.

Ich ging voraus. Über Felsen durch die erste steile mit Schnee gefüllte Rinne. Ich fühlte mich wohl dabei, ich mag solche Bedingungen.

In der ersten Rinne kehrten zwei Kameraden um.

Der dritte folgte mir weiter.

Von oben kam eine Gruppe entgegen, deren Seil sich verheddert hatte. Sie konnten nicht mehr vor noch zurück. Praktisch Hase und Schlange. Ich ging zu der Stelle und löste das Seil. Ich sagte, steigt ab. Ich stand im steilsten Teil der Rinne.

Der eine fragte mich, warum ich da ohne Seil stünde. Ich antwortete, ich mag solche Situationen.

In diesem Moment stellte ich fest, dass sich ein Steigeisen von meinem Schuh löste. Eine Klammer war verschwunden. Bad Luck. Paul meinte, das wäre ein Zeichen. Ich meinte, ja das stimmt. Es wäre ein Zeichen, dass es gut ist, wenn man für solche Fälle vorbereitet sei. Ich griff in meinen Rucksack und fischte einen Kabelbinder heraus und fixierte das Steigeisen wieder.

Paul meinte er sei froh, dass ich das Problem löste. Nun könnten wir sicher absteigen. Mit einem Lachen gab ich ihm zu verstehen, dass wir jetzt sicher zum Gipfel klettern könnten. Er verweigerte. Ich schlug vor, er solle hier warten oder gleich selbst absteigen. Paul wählte die zweite Option.

Ich ging befreit weiter. Ich wusste nun, ich hätte nur mehr für mich selbst Verantwortung. Das ist viel einfacher.

Nach gesamt einer Stunde erreichte ich den Gipfel. Die Sonne schien. Alles darunter war im Nebel. Zurückblickend erinnere ich mich an folgenden Gedanken:

Wie soll ich meinen Freunden nur erklären, wie schön es hier oben ist? Das kann man weder in Worten noch mit Bildern erklären. Ich wusste gleichzeitig auch, ich musste wieder runter, in den Nebel. Ich wollte meine Erfahrung nutzen, um mit meinen Freunden den Gipfel bei einfacheren Bedingungen zu teilen.

Dazu ist es leider nie gekommen. Wollte ich es wirklich?

Ich glaube nicht.

Pioniere sind keine Bergführer (oder Führungskräfte). Und daher nicht geeignet, Personen (Mitarbeiter) auf einen Gipfel zu führen. Das machen Bergführer.

Es gibt Individuen, die einen Gipfel lieber solo erreichen. Das sollte man akzeptieren und von deren Erfahrungen profitieren. Das sind Pioniere (oder Gründer).

Der Pionier möchte Gipfel als Erster besteigen. Auch wenn es unsicher oder gefährlich ist. Weil er getrieben ist, Neues zu erobern.

Weil er geschätzt werden will.

© Stony 15.01.2020