Das unerwartete Reiseziel

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Das unerwartete Reiseziel | story.one

Er hatte nie viel Geld und so freute er sich trotz des Todes seiner Eltern über die Erbschaft. Mit diesem Geld könnte er ihnen ein würdiges Begräbnis bezahlen. Doch es kam anders, zu seinem Schrecken war das Erbe mit einem großen Schuldenberg behaftet, der alles Geld verschlang. Statt einem traditionellen Begräbnis mit Sarg und edlem Grabstein gab es eine Urnenbeisetzung.

Viele Jahre war er sehr unglücklich über diesen Umstand und die Existenzängste zehrten ihn auf. Er war immer ein geselliger Mensch und so kam es, dass er seine Traumfrau traf. Sie war auch vom Leben gezeichnet aber dennoch ein lebensbejahender Mensch. Er verliebte sich in ihre Begeisterungsfähigkeit und die Beiden wurden ein Paar. Sie hatten es nie leicht und der schwerste Schicksalsschlag für sie kam in Form einer wenig bekannten Krankheit.

Sie fühlte sich ständig angeschlagen und müde, dazu kamen noch die vielen Arztbesuche, Medikamente, Therapien, doch nichts half. Aber sie war stark, anstatt zu verzweifeln hatte sie Hoffnung. Das Feuer der Freude in ihr erlosch nicht und er erkannte, dass er mit ihr alles durchstehen könnte. Es folgten die Verlobung und die Hochzeit, die aber eher bescheiden ausfiel. Verwandte und Freunde halfen wo sie konnten, vieles war selbstgemacht, die Beiden waren sehr froh und dankbar über die schöne Feier.

Nur eine Sache fehlte, ein Herzenswunsch: eine Hochzeitsreise. Er arbeitete hart an diesem Traum, stotterte seine Schulden ab und sparte so viel er konnte. Und nach 25 Jahren war es endlich soweit, er hatte das benötigte Geld beisammen. Ihm war klar, dass seine Frau keine Aufregung vertrug, deshalb ging er beim Planen der Reise sehr behutsam vor und erzählte ihr nur das, was sie wissen musste, um den Rest kümmerte er sich.

Und dann war er da, der langersehnte Tag. Er stand wie geplant beim ersten Weckerklingeln auf und versuchte seine Frau zu wecken, keine Reaktion. Sie schläft wohl noch zu tief, dachte er sich und ging in die Küche um ihr Frühstück zu machen. Mit einem Tablett voller Leckereien kehrte er zurück und versuchte es erneut, er sprach sie an und streichelte ihre Wange, sie war kalt. Da durchfuhr es ihn: Sie war über Nacht verstorben, einfach entschlafen.

Der Schmerz über ihren Verlust war für ihn unerträglich und als ob das nicht reichen würde, reagierten seine Mitmenschen nicht mit Herzenswärme und Mitgefühl, sondern mit Vorhaltungen. Sie meinten der Grund für ihren Tod in der Nacht vor der Abreise sei gewesen, dass er sie mit den Vorbereitungen überbeansprucht hat. Mit dem Gedanken an ihrem Tod schuld gewesen zu sein konnte er nicht leben. Er beging Selbstmord.

Eine wahre, sehr traurige Geschichte aus dem Sozialverein, wo ich ehrenamtlich arbeite. Letzten Endes ging die Reise der Beiden in den Himmel, dort wo sie auf alle Zeit vereint sind, wo es kein Leid, keine Sorgen, Ängste und Nöte gibt. Ihr habt es überstanden, ruht in Frieden.

© sunsriding 14.08.2019