Fast 40 reicht auch noch!

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Fast 40 reicht auch noch! | story.one

Die letzten eineinhalb Wochen habe ich mich ja fast durchgehend wie 100 gefühlt. Zuerst ging es in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Sozialverein drunter und drüber, wir hinkten mit der Dokumentation hinterher. Durch eine zu spät erhaltene Mitteilung über weitere anstehende Arbeiten wurde es dann richtig knapp. Zum Glück kann ich Schreibarbeiten auch zuhause erledigen, aber da saß ich dann bis 1 Uhr früh am Computer. Und ich kann dann nicht einfach ins Bett fallen und schlafen, ich brauche erst noch Zeit um runterzufahren. Da wurde es oft 2 oder 3 Uhr früh. Es war ja recht witzig, denn als ich es endlich wieder mal geschafft hatte 8 Stunden durchzuschlafen fühlte ich mich erst recht kaputt.

Nach dieser heftigen Woche blickte ich voller Vorfreude auf das Wochenende, ich war bei meiner großen Schwester zum Übernachten eingeladen. Ich freute mich auf sie, meinen süßen Neffen, auf den Whirlpool im Garten und auf die Grillerei am Sonntag. Nachdem wochentags Haushalt und private Erledigungen vernachlässigt wurden, musste ich am Samstag in den sauren Apfel beißen. Umso süßer war das Gefühl, als ich abends endlich im Zug saß. Kaum angekommen begrüßten mich meine Schwester und mein Neffe schon mit einem Lächeln. Das war eine Erlösung, jetzt würde alles gut werden.

Nein, leider nicht. Es ging emotional hoch her, meine Schwester und ihr Mann hatten sich gestritten und sie war kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Was sie mir berichtete war echt heftig, er hat sie so behandelt wie mich mein Lebensgefährte vor einigen Jahren. Ich hatte gehofft, dass ihr das erspart bleibt und es hat mich fertig gemacht dass dem nicht so war. Nachts bin ich dann im Gästezimmer gelegen, schlaflos, leise weinend, weil es mir echt weh getan hat sie so leiden zu sehen. Ich fühlte mich wie ein Versager weil ich nicht mehr tun konnte, als ihr zuzuhören, meinen Neffen zu bespaßen und im Haushalt zu helfen, damit sie ein bisschen Zeit für sich selbst hatte und sich erholen konnte.

Am Sonntag war ich wie gerädert, ich konnte die Grillerei nicht recht genießen, mit uns am Tisch saßen ja die Männer in der Familie, die ihre Frauen nicht immer so behandeln, wie sie es verdient haben. Neben mir saß meine kleine Schwester, die gerade mit ihren zukünftigen Mann Haus baut, ihr Körper übersäht von blauen Flecken, ihr Handgelenk in einer Schiene. Mit dem uns anerzogenen Ehrgeiz und Perfektionismus versuchte sie auf der Baustelle genauso hart zu arbeiten wie die Männer. Als sie mit ihren schmerzenden Händen das Fleisch schneiden wollte fing sie an zu weinen weil sie es einfach nicht schaffte. Ich hätte am liebsten gleich mitgeweint.

Am Abend brachte mich meine Mama nach Hause, ich war froh, mit ihr das Erlebte in Ruhe besprechen zu können. Trotzdem hielt es mich Montag, Dienstag, Mittwoch Nacht wach und ich fühlte mich tagsüber wiedermal wie 100. Heute hatte ich Therapie und langsam finde ich zu mir selbst zurück. Ja, weil fast 40 reicht auch noch!

© sunsriding 29.08.2019