Verschmolzene Rivalinnen

Es war vor einigen Jahren als er sich trotz Gattin, Kindern und Eigentumswohnung eine Freundin suchte und auszog. Über die Zeit hatte sich vieles geändert, die ehemaligen Eheleute hatten sich auseinander gelebt, beide entwickelten sich in unterschiedliche Richtungen. Sie waren nicht böse aufeinander, sondern brachten viel Verständnis füreinander auf und fanden eine vorbildhafte Lösung für den Umgang mit ihren Kindern.

Die Eigentumswohnung lag in einer Großwohnsiedlung, wo sich schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein weiterer Plattenbau gen Himmel reckte. Und dort war zufällig gerade eine Wohnung frei, als er seine Familie verließ. Somit war er nie weit von seinen Kindern entfernt und sie konnten ihn sehen, wann immer sie wollten, sie mussten nur über die Spielstraße in den Wohnblock gegenüber gehen.

So weit, so gut, aber ein Problem war da doch: seine neue Freundin. Sie mochte sie einfach nicht und fühlte sich nicht wohl, wenn ihre Kleinen bei ihnen waren. Die Zeit in der sie allein zuhause war fühlte sich für sie wie eine unerträgliche Ewigkeit an, tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf, was die Rivalin wohl mit ihren Kindern machen würde, ob sie versuchen würde einen Keil zwischen sie zu treiben. Sie hatte ja schon ihren Mann verloren und wollte nicht auch noch ihre Kinder verlieren.

Trotz der Versuche gute Miene zum bösen Spiel zu machen, konnte jeder mit ein bisschen Feinsinn spüren, das sich die beiden Frauen nicht unbedingt freundlich gesonnen waren. Die Rivalin hatte nämlich ebenfalls ein Problem: sie hatte gerade ihre vermeintliche große Liebe gefunden und wollte natürlich nicht, dass er zu seiner Familie zurückkehrt. Beide bemühten sich, ihre Ablehnung und ihre Befürchtungen im Verborgenen zu halten, aber sie waren Rivalinnen.

Dennoch haben es irgendwie geschafft miteinander klar zu kommen und die Präsenz der jeweils Anderen zu akzeptieren. So vergingen die Jahre und die Kinder wurden erwachsen. Wie zuvor nagte der Zahn der Zeit auch an dieser Beziehung, er trennte sich von seiner Freundin. Weitere Jahre strichen ins Land und sie und er lebten als mehr oder weniger glückliche Singles in ihren gegenüberliegenden Wohnungen.

Irgendwann stellte sie eine Veränderung an sich fest, ihr Leben bekam eine neue Ausrichtung, sie suchte nach einer gleichgeschlechtlichen Liebe. Und die fand sie auch, und zwar in jener Frau, die sie Jahre zuvor als Rivalin empfand. Die Feindin wurde zur Freundin, aus Abneigung wurde Zuneigung. Die Rivalität schmolz im Feuer der Liebe und letzten Endes ehelichten sie ihre ehemaligen Nebenbuhlerinnen. Eine faszinierende Wendung, die so wohl niemand erwartet hat.

Ich finde an Feinden und Rivalen nichts Schlechtes, sie sind unsere Lehrmeister, sie fordern uns heraus, geben uns Gelegenheit zu wachsen, stärker zu werden. Und wie man sieht kann aus einem Feind auch ein Freund, ein Lebensgefährte oder sogar ein Ehepartner werden, man muss dem Ganzen nur eine Chance geben.

© sunsriding