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Bitte um Aufklärung

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Bitte um Aufklärung | story.one

Einige Eigenarten meines langjährigen Freundes R. bringen es mit sich, dass er sich schwertut, soziale Kontakte zu pflegen. Seine Unzuverlässigkeit und sein konstantes Zu-spät-kommen sind nur einige seiner Schrullen. Und so kommt es auch immer wieder zu Situationen, die ihm zeigen, dass er sich ändern sollte...

Für diesen ganz besonderen Tag – auf den sich R. schon lange freute – nahm er sich Herausforderndes vor.

Sich selbst und allen anderen wollte er beweisen, dass er auch anders sein kann.

Modisch gekleidet – echt ein Hingucker (!) - und zeitgerecht, machte sich R. auf den Weg.

Am Ziel angekommen: “Hab’ ich was verpasst? Nur Lachende und ich weiß nicht, worum’s geht. Ärgerlich! Leider kenne ich auch niemanden gut genug, um ohne Peinlichkeit Fragen stellen zu können. Wenn ich durch die Reihen gehe, kann ich den einen oder anderen Wortfetzen aufnehmen, der mir dann vielleicht Aufklärung bringt.”

Gedacht, getan.

Ganz bewusst steuerte R. eine sympathische Mittfünfzigerin an. Als er mit ihr auf Augenhöhe war, erfror ihr Lachen und sie wich mit dem Oberkörper nach hinten aus.

R. irritierte diese Reaktion nur kurzfristig, denn er konnte sich schließlich nicht um alles kümmern. “Zicke”, war sein einziger wertender Gedanke – und schon lächelte R. einen etwa 70jährigen mit einem bühnenreifen Jopi-Heesters-Grinsen an.

Möglicherweise fühlte sich dieser – ob der körperlichen Nähe - von R. bedrängt. Änderte von lachender Mimik in eine ernsthafte und richtete seinen Blick zu Boden.

Auch dieser Mann unterband durch eindeutige Haltung schnell die Möglichkeit einer Kommunikation.

Aber R. war ein unverbesserlicher Optimist und hatte bereits einen feschen, ca. 30jährigen im Visier.

Neuerlich setzte R. sein Kukident-Lächeln auf. Die Abfuhr, die er nunmehr erhielt, war eindeutig: “Gehn’s doch weiter!”

R. ging weiter.

Schon ein wenig verwirrt, wagte er einen neuerlichen Versuch: “Entschuldigung” - diesmal schon offensiver, weil das Lächeln von Worten begleitet - “können Sie...”, weiter kam er nicht. “So eine Unverschämtheit. Beeilen Sie sich gefälligst!”

Die von R. Angesprochene, zischte wie eine Schlange diese Worte, erhöhte den Abstand zu R., indem sie ebenfalls den Oberkörper nach hinten bog und machte ein Gesicht, als ob sie dem Leibhaftigen gegenüberstünde.

R. begann nun schön langsam zu überlegen. “Habe ich die Krätze? Habe ich Mundgeruch?” Nachdem er beides mit eindeutigem “Nein” beantworten konnte, gelangte er zu der Erkenntnis: “Das sind alles Wahnsinnige! Wo bin ich da hineingeraten? Flucht oder noch einen Versuch?”

Die Mischung aus Naivität und Beharrlichkeit hatte zur Folge, dass er noch einmal eine Kontaktaufnahme versuchte.

Zumindest Klarheit erhielt er dadurch: “Wenn sie schon zu spät kommen, warten sie für ihre Sitzplatzsuche die nächste Pause ab. Auch Laiendarstellern zollt man diesen Respekt!”

Fazit: R. lernt’s wohl nie!

Photo by Julius Drost on Unsplash

© Susan Mary Kuldkepp 27.06.2020

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