Freie Radikale

Die Freude am Meer zu sein, lässt meine Energien überschießen. Ich laufe durch den Sand, hüpfe barfuß durchs seichte Wasser.

Schau zurück. Weit hinten bewegt er sich behäbig in meine Richtung. Ich laufe zu ihm, sprudle über. „He! Komm doch!“

Er herrscht mich an, ich solle nicht dauernd vorrennen. Ich solle endlich langsamer gehen, in dem Tempo könne man doch gar nicht die Natur genießen.

Ich sag:“ Oh, ich genieß es sehr“ und er könne ja sein Tempo genauso gut etwas beschleunigen, wenn er mit mir zusammen sein möchte.

Aber o.k., wenn er das nicht möchte oder kann, dann ist es auch gut.

Dann lauf ich halt immer wieder voraus.

Eine unangenehme Spannung bleibt.

Später , im Hotel, versenkt er sich in ein Buch, lässt mich "draußen".

Die Anspannung steigt. Ich will weg. Zurück nach Hause. Es ist genug.

Als er das Hotelzimmer bezahlen möchte, funktioniert seine Bankomartkarte nicht. Das ist ihm unangenehm.

Er sagt : „ Leih mir bitte das Geld, du darfst dafür das Auto auf der Rückfahrt steuern.

Ich willige erleichtert ein, denn ich fürchte mich sehr, wenn er unter Anspannung Auto fährt.

Nachdem er die Rechnung mit meinem Geld beglichen hat, setzt er sich mit provokanter Selbstverständlichkeit ans Steuer.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als auf der Beifahrerseite Platz zu nehmen.

Er braust los. Angst und Wut überschwemmen mich.

Ich brülle „Halt ! Das ist unfair. Bleib stehen“. Er fährt unbeirrt weiter. Voller Karacho über den Verbindungsdamm von Grado aufs Festland.

Ich explodiere. Öffne das Handschuhfach, schnappe alles was ich erwischen kann, Autoatlas, Fotokamera, Zuckeln..schmeiß es aus dem Fenster. Er fährt weiter. Ich reisse ihm die Brille von der Nase, auch raus damit. Er fährt weiter.

Dann beginne ich, meine Flucht im Stillen zu planen. Schicke einem Freund, der in Klagenfurt lebt eine Nachricht, dass ich zufällig in Kürze beim "Minimundus" sei, und mich freuen würde, wenn er mich dort abholen könnte.

Damit mein wahnsinniger Begleiter mich dort absetzen würde, begann ich kurz vor der Ausfahrt dramatisch darzustellen, wie notwendig ich auf die Toilette müsse.

Es funktionierte.

Sobald der Wagen zum Stehen kam, sprang ich aus dem Auto, schnappte noch meine Reisetasche aus dem Kofferraum und flüchtete in die Damentoilette. Von dort schickte ich ihm die Nachricht :“ Endstation. Ich bleib hier.“

Heimlich beobachtete ich ihn durchs Klofenster.

Eine Zeit lang ging er noch unschlüssig am Parkplatz auf und ab.

Schließlich fuhr er alleine weiter.

© Susanne Gmeiner