Weihnachten am Bergfriedhof

  • 136

Ich mag Friedhöfe. Schon als Kind lief ich gerne zwischen den Grabsteinen umher, betrachtete die Blumen, die eisernen Kreuze, goldenen Inschriften und verwitterten Bilder der Toten. Seit Jahren nehme ich mir vor, einmal den Zentralfriedhof in Wien zu besuchen. Bis jetzt bin ich jedoch nicht dazu gekommen. Aber wie so vieles im Leben, läuft einem so ein Friedhof ja nicht davon, eher im Gegenteil. Doch das ist eine andere Geschichte.

Den Bergfriedhof von Zell am See mag ich besonders. Nicht nur, weil er der erste war, an den ich eine bewusste Erinnerung habe, sondern auch, weil er so schön gelegen ist. Er bietet einen wunderbaren Blick auf das Wasser und die umliegenden Berge. Im Norden erhebt sich das Steinerne Meer und gegenüber liegen die sanfteren Bergrücken von Schwalbenwand und Hundstein.

Von Kindheit an war mir also der Zeller Friedhof vertraut und als junges Mädchen, ich war elf oder zwölf Jahre alt, begann mich mein Großvater am Heiligen Abend auf den Friedhof zur Messe mitzunehmen, die dort immer nach Einbruch der Dunkelheit stattfindet.

Viele Jahre lang stand er kurz nach vier Uhr nachmittags im dunkelgrünen Lodenmantel an der Haustür, bereit zum Aufbruch und wartete auf mich, die wie immer in letzter Minute noch Mütze oder Schal suchen musste. Seine dicht gewellten, schneeweißen Haare waren unter dem Filzhut verborgen. Sorge und Zweifel, Zorn und Staunen hatten ihm im Laufe seines Lebens ein Gitternetz aus Falten auf die Stirn gelegt, welches ebenfalls kaum zu sehen war. Seine Hände, Bergbauernhände, lagen meist schon auf der eisernen Türklinke, in Handschuhen, einen Plastiksack haltend, in dem sich Grabkerzen, Zündhölzer und Strohsterne für das kleine Christbäumchen befanden, das ich trug.

Großvater hatte zum Heiligen Abend ein zwiespältiges Verhältnis, war doch seine Mutter an einem 24. Dezember mitten im Krieg verstorben, als er selbst mit gerade einmal 20 Jahren weit fort an der Front als Soldat dienen musste und nicht bei ihr sein konnte. Diese Erfahrung machte ihn wohl zu Weihnachten, dem Fest der Freude, einsam.

Vom nordseitigen Parkplatz stiegen wir die Stufen hinauf bis zum Familiengrab. Wir gingen bergan, oftmals knietief im Schnee, manchmal auch bei Regen oder föhnigem Weihnachtstauwetter. Oben angekommen, schmückten wir das Bäumchen, zündeten die Kerzen an, grüßten Bekannte, die sich rund um die Nachbarsgräber versammelten, wechselten ein paar Worte, schwiegen aber meist in stiller Eintracht und betrachteten die Lichter, die den Friedhof allmählich in immer helleres Licht tauchten.

Wenn die Musik dann von der Kapelle unten heraufklang, der Pfarrer die Weihnachtsgeschichte erzählt hatte und am Ende der Messe alle Besucher gemeinsam ins Stille-Nacht-Lied einstimmten, dann fiel die Geschäftigkeit des Tages, der Lärm der Adventzeit, von mir ab und ich war erfüllt von einem Weihnachtsgefühl, nach dem ich mich heute noch, da mich das Leben fort aus Zell geführt hat, zuweilen sehne.

© Susanne Huber 24.11.2019