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Wir Kinder der Flüchtlingskinder

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Wir Kinder der Flüchtlingskinder | story.one

Zeitzeugen sind auch wir, die Kinder derer, die vor mehr als sieben Jahrzehnten die bittere, beschwerliche und gefährliche Reise aus ihren Lebensdörfern im Banat, das im heutigen Serbien liegt, nach Österreich angetreten haben. Aus der Bahn geworfen und zurückgelassen von einer Welt, die sich ohne sie weiter drehte in der Spirale der Vergeltung, Verwüstung und Beraubung von Würde, Heimat und Gut. Diese Wege, Pfade und Verstecke tragen nun wieder viele Schritte, man nennt sie heute "Balkanroute".

„Was wollt’s ihr Zigeuner da?“, hieß es. Willkommen waren sie nicht. Zurück an den Start. Noch einmal von vorne anfangen. Es gibt mehr als das eine Leben. Die Würfel waren neu gefallen.

Wir kennen dieses fremde, ferne Land der Donauschwaben seit frühen Kindertagen aus Erzählungen und Bildern: Sein Name ist „Drhem“(Daheim).

Die Sprache unserer Mütter und Väter ist mit einer hierzulande unbekannten Melodie unterlegt, wir verstehen den Dialekt und so manche Ausdrücke, die unser Umfeld vor Rätsel stellen. Sind sie doch immer schon Bestandteile des familieninternen Sprachgebrauchs gewesen.

Ob wir wollen oder nicht, ob es uns bewusst ist oder nicht, wir stellen eine Gemeinschaft dar: die der Kinder von Vertriebenen, von Geflüchteten aus dem Zweiten Weltkrieg, schuldig, von der Nation von Kriegsverbrechern, von Tätern, von Verlierern abzustammen. Aber auch von Opfern. - Was in der öffentlichen Meinung und Historiografie lange Zeit nur gestreift und beflissen dem Aufrechnungsdiktat von Schuld und Sühne unterworfen worden war.

Durch die Einbettung in den Familienverband von heimatverlorenen Menschen werden wir selbst zu Zeitzeugen der Geschichte, verpflichtet zur Wahrung, Weitergabe und verantwortungsvollem Umgang mit dem uns anvertrauten Wissensgut und den Gefühlswelten voller Schmerz und Sehnsucht, die darunter verborgen liegen.

Dabei ist es von nachrangiger Bedeutung, von welchen Flecken der Erde damals die Spuren der Kinder, die unsere Eltern wurden, verschwunden sind – es war sicher jeweils der schönste, vertrauteste, selbstverständlichste der Welt.

Es liegt an uns, den Nachgeborenen, den Brückenschlag zwischen den Generationen zu vollziehen: von den Menschen, welche die schrecklichen Erfahrungen von Mord, Vertreibung und jahrelanger Internierung bei Hunger, Angst und Misshandlung machen mussten, über uns, ihren Kindern, die in einer heilen Welt leben dürfen, die jedoch die Traumatisierung und das Entwurzeltsein ihrer nahen Verwandten zum Teil auch verinnerlicht haben, bis hin zu unseren Kindern und Enkelkindern.

Es liegt an uns, bei unseren Nachkommen das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Krieg, Zerstörung und Gewalt Unrecht ist, dass Vertreibung und Internierung Unrecht ist und die Verletzung der Menschenrechte. Und dass Menschen, die außer ihrem Leben und ihrer Würde nichts mehr besitzen, Hilfe, Respekt und Menschlichkeit brauchen, und nicht Ignoranz, Ausgrenzung und Zynismus.

© Susanne Paulus 14.09.2020

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