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Reden ist silber, Schweigen ist Gold

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Reden ist silber, Schweigen ist Gold | story.one

Ich wurde einmal Ohrenzeuge, wie jemand versuchte, einer anderen Person die Ausstattung seines neuen Badezimmers zu beschreiben. Als er die Farbgebung der Fliesenornamente erläuterte, fiel dieser wunderbare Satz: „Du musst dir das so vorstellen: Wie silber, nur halt gold." Mir fehlten die Worte. Genau wie ihm.

Warum tun sich die Leute beim Reden so schwer? Für mich ganz klar: Weil sie nicht oder zu wenig lesen! Das ist der Vorteil von uns Leseratten, wir schulen unsere Vorstellungs- und Ausdruckskraft und alles Weitere überlasse ich Ihrer Phantasie (sorry, aber ich bringe „Fantasie“ einfach nicht über die Tasten).

Die Menschen in unserer Multikulti-Straße in Wien-Meidling reden auch viel, vor allem laut, haben Spaß oder auch Streit und lassen andere daran teilhaben. Türkischer Pop aus der Wohnung vis á vis, deutsche Schlager aus dem Auto, das in der Hoffnung, einen Parkplatz zu finden, bereits zum 10. Mal den Block umrundet. Gelächter, Geschrei und Gestöhne rundherum, hier findet das wirkliche Leben statt.

Wenn es schön warm ist, sitzen wir abends auf der Terrasse und trinken ein Glas Wein. Dabei hören wir nicht nur viel von unseren Nachbarn, sondern auch von den Flugzeugen, die – im schlimmsten Fall – alle 5 Minuten über uns hinwegfliegen. Aber das ist mir egal. Denn ich weiß: Die da oben kommen heim!!!

Unlängst hatte ich in der Badner Bahn wieder einmal das zweifelhafte Vergnügen, unfreiwillig Zuhörerin eines lautstark geführten Handy-Gesprächs zu sein. Sie kennen das: Kaum sitzen die Leute in den Öffis, haben sie schon zwanghaft ein Handy am Ohr. Mir persönlich ist es ja sehr unangenehm, in öffentlichen Verkehrsmitteln angerufen zu werden, meistensüberhöre ich den ohnehin sehr sanften Klingelton geflissentlich, im dringenden Notfall beschränke ich mich auf knappe Ja´s, Nein´s oder Hm´s.

Ich mag es also gar nicht, wenn wildfremde Menschen quasi ihr Innerstes vor mir ausbreiten, und ich eigentlich lieber Zeitung lesen will. Ich will nicht hören, was es abends zu essen gibt, was der Arzt zum Furunkel im Genitalbereich gesagt hat und heiße Liebesschwüre schon gar nicht … da wird man ja richtig neidisch.

Jedenfalls wurde das Gespräch von einer fülligen Damen geführt, deren Stimme durch ihren gewaltigen Resonanzkörper in der ganzen Badner Bahn dröhnte, den Inhalt habe ich gleich wieder vergessen, aber der Schluss wird mir wohl ewig in Erinnerung bleiben. Zum Abschied sagte sie: „Pfiat di, Servas, Tschüssi und Baba". Wollte sie uns damit beweisen, welche Fülle an Grußworten sie kennt? Dass sie auf Österreichisch, Wienerisch und Hochdeutsch grüßen kann? Oder war der Abschied ein endgültiger, einer, den man ganz klar und deutlich aussprechen muss?

Sollte es euch, liebe Storyaner, auch einmal so ergehen, steht einfach auf und nehmt dem eure Ruhe störenden Menschen sanft das gute Stück aus der Hand. Dann sagt ihr leise: „Pfiat di, Servas, Tschüssi und Baba" und werft es zum Fenster hinaus. Ihr werdet euch besser fühlen.

© Susi_Bock 2020-11-21

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