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Der erste Schritt

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Der erste Schritt | story.one

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der hatte ich Watte im Kopf, Alkohol im Blut und ständig eine Zigarette im Mund. Wöchentliche Sitzungen bei meiner Therapeutin waren eine Art geistiges Highlight für mich zu dieser Zeit.

Zu meinen "Psychositzungen", wie ich sie nannte, kam ich immer pünktlich. Es gab Tee und Kekse. Ich fühlte mich wohl und verstanden und vergaß für eine Stunde die Welt da draußen. Bis zu diesem Mittwoch. Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere. Ich kämpfte mich mit viel Schmerz und Bier durchs Leben. Ich war in meinem Stammlokal und starrte völlig verloren vor mich hin. Plötzlich, zwischen dem 4 oder 5 Bier, verdrehte ich die Augen und kippte vom Stuhl. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich nicht nur unzählige 'Anrufe in Abwesenheit' von meiner Therapeutin, sondern Abschürfungen und Blutergüsse am ganzen Körper. Vom Blackout mal ganz abgesehen.

Ich stand auf, ging ins Bad, schaute in den Spiegel und wusste augenblicklich, ich muss was tun. Sofort. Als Erstes rief ich meine Therapeutin an und entschuldigte mich in aller Form. Sie bot mir ein Gespräch an, was ich jedoch vorerst ablehnte. Ich räumte meine Wohnung auf, schmiss alles an Alkohol und Zigaretten weg, zog mir meine Jacke an und ging raus in die Sonne. Meine Gedanken kreisten nur um einen Satz: 'Wo war der Ausweg aus diesem Teufelskreis?' Und während ich suchend durch die Straßen lief, sah ich in einer kleinen Quergasse ein Schild mit der Aufschrift 'TATTOO+PIERCING Studio'.

Genau das war es, etwas Optisches. Ein Tattoo. Ein Tattoo, welches mich jede Sekunde daran erinnert, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen und meinen Weg zu gehen. Ich ging in das Studio, völlig vergessend, wie ich aussah. Die junge Frau hinter der Theke schaute mich skeptisch an. Sie musterte mich von oben bis unten. Ich stammelte nur: "Ich hatte einen Unfall." Etwas ungläubig fragte sie: "Was kann ich für dich tun?" Mich verließ fast der Mut. Ich schaute die junge Frau an und sagte ihr, dass ich ein Tattoo möchte. Sie lächelte etwas und fing an, mir zu erklären, wie das so mit Tattoos, den Motiven und dem Stechen lassen ist. "Wenn du eine Idee oder ein Motiv hast, komm wieder und wir schauen uns das an.", sagte sie freundlich. Enttäuscht ging ich heim.

Tagelang suchte ich nach dem passenden Motiv. Nichts. Fast schon meinen Plan aufgebend, fiel mein Blick eines Tages auf eine Werbung fürs Abnehmen. Und da war er. Der Satz. Ich rief meine Therapeutin an und fragte sie, ob sie mir den Satz ins Latein übersetzen könne. Sie schickte mir die Übersetzung per SMS und ich ging ins Tattoo-Studio. "Na, hast du was gefunden?", fragte die junge Frau. "Ja.", antwortete ich. Als das Tattoo auf meinem linken Unterarm fertig war, lächelte mich die junge Frau an und wünschte mir alles Gute.

Viele Jahre lang habe ich in schwierigen Situationen meinen linken Arm einfach gedreht und auf mein Tattoo geschaut. ILLUM ITTER PRIMO GRADU INCIPIT

'Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt' - Es hat funktioniert.

© Sylvia Herzberg 26.11.2019

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