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10 Euro Koffer

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10 Euro Koffer | story.one

Eine meiner Dienstreisen führte mich 2006 nach Kairo. Nach einer Woche Hitze, Aufregung und für mich ungewohntem Essen, allerdings ohne Folgen, nahte die Rückreise nach Wien. Ich verabschiedete mich von meinen Kollegen, fuhr zurück ins Hotel und packte meinen Koffer.

Am nächsten Tag, Punkt 8 Uhr, was für Kairo eher ungewöhnlich ist, da Zeit dort ein relativer Begriff ist, stand mein Fahrer vor der Tür und lächelte mich an. Wir waren beide froh, dass es noch früh am Morgen war und wir somit der bevorstehenden Hitze vielleicht etwas entkommen konnten. Gut gelaunt nahm der Fahrer meinen Koffer, obwohl sicher schwerer als die erlaubten 22 kg, und schwang diesen in den Kofferraum gleichzeitig mir deutend, ich solle schon mal einsteigen. Was ich auch tat, in der Vorfreude, in ein gut klimatisiertes Auto zu steigen, da draußen die Temperaturen minütlich stiegen. Als ich die Autotür öffnete, kam mir jedoch außer morgendlicher, ägyptischer Popmusik und einem nicht definierbaren Geruch, unglaubliche Kälte entgegen. Der Fahrer hatte die Klimaanlage auf 15 Grad gestellt, damit ich es angenehm auf der Fahrt zum Flughafen habe. Es war unglaublich kalt.

Nach einer Stunde Fahrt, einhergehend mit kalten Händen und Füßen, kamen wir schließlich am Flughafen an und ich sehnte mich plötzlich nach der Hitze draußen, welche mir beim Aussteigen auch schlagartig entgegenschlug.

Der Platz vor der Flughafenhalle war gefüllt mit unzähligen Menschen, die hektisch hin- und herliefen. Aus dem Augenwinkel sah ich meinen Fahrer, diesmal nicht mehr so beschwingt, meinen Koffer aus dem Kofferraum nehmend, diesen auf den Boden stellend, ein kurzes "bye" murmelnd und weg war er. Ich schaute ihm etwas verwundert nach, drehte mich um, um meinen Koffer zu nehmen und blickte plötzlich in braune, freundliche Augen eines jungen Mannes, der meinen Koffer schon fest umklammert hatte.

"Help?" und bevor ich antworten, geschweige denn reagieren konnte, war er samt meinem Koffer schnellen Schrittes in Richtung Abfertigungshalle unterwegs. Ich gebe zu, dass ich in dem Augenblick davon überzeugt war, meinen Koffer nie wiederzusehen. Irgendwie schaffte ich es jedoch, hetzend durch die Menschenmenge, den jungen Mann samt meinem Koffer, nicht aus den Augen zu verlieren. An der Eingangshalle blieb er stehen, drehte sich um und lächelte mich an. Schweißgebadet und mit einem "Thanks" auf den Lippen wollte ich meinen Koffer nehmen, als ich seine offene Hand sah und er mit einem breiten Grinsen 10 Euro für seine Dienste wollte. Entgeistert starrte ich ihn an und keuchte ein "No", er jedoch lächelte nur. Was tun? Polizei? Warum, er hatte nichts falsch gemacht. Verhandeln? Worüber? Den Preis? Ich schloss für eine Sekunde die Augen und mir wurde klar, dass mir, ihm die 10 Euro zu geben, nicht so sehr weh tun, wie sie für ihn wahrscheinlich wichtig waren. Ich gab sie ihm und außer meinem Koffer bekam ich das wohl netteste Lächeln seit langer Zeit. Allein das war die 10 Euro wert.

© Sylvia Herzberg 11.06.2019

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