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Ein Schiff aus Eis am Stiel

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Ein Schiff aus Eis am Stiel | story.one

"Möchtest du noch ein Eis?", fragte mich mein Großvater lächelnd, wohl wissend, dass meine Großmutter gleich herausgelaufen kommt, um Einspruch zu erheben. Die Beiden waren seit 60 Jahren verheiratet und sich eigentlich nur einig darin, dass sie sich liebten und sich NICHT einig waren. Wenn es allerdings um ihre Lieblingsenkelin ging, sprich um mich und dazu noch Sommerferien waren, dann herrschte "Frieden und Eintracht".

Ich nahm das Eis und setzte mich zwischen meine Großeltern. Neben mir lagen schon drei sauber abgeschleckte Holzstäbchen, welche die Aufmerksamkeit meiner Großmutter sofort auf sich zogen. "Wie viel Eis hattest du heute schon?", fragte sie. "Vier.", antwortete ich und biss genüsslich in die Schokolade, welche die Eiscreme umhüllte. "Ernst, ich muss mal kurz mit dir reden.", hörte ich meine Großmutter in sehr strengem Ton zu meinem Großvater sagen. "Wenn du so weitermachst, ist dein Schiff zwar fertig, aber das Kind dick und die Zähne voll mit Karies." Mein Großvater lächelte sie an, zuckte mit den Schultern, zeigte auf sein Hörgerät und streichelte ihren Arm.

Vor und nach dem Krieg hat mein Großvater als Bauingenieur in Berlin gearbeitet. Erst hat er Pläne für neue Häuser entworfen, dann hat er Pläne für den Wiederaufbau der zerbombten Häuser entworfen. Er war zeit seines Lebens ein handwerkliches Genie, samt entwickeln, aufbauen und reparieren. Wirklich herausfordernd für ihn war jedoch das Nachbauen von Modellschiffen, insbesondere Schiffe aus dem 18. Jahrhundert, um genau zu sein Fregatten.

Die Familie meines Großvaters war sehr groß und dementsprechend waren unzählige Verwandte da, als es eine Feier zu seinem Pensionsantritt gab. Einer seiner Brüder schenkte ihm ein Puzzle mit über 2000 Teilen. Es war ein englisches Schiff aus dem 18. Jahrhundert. Nach dem vierten Schnaps verkündete mein Großvater, er werde das Puzzle innerhalb eines Jahres zusammensetzen, als Bild rahmen lassen und dann genau dieses Schiff aus Holzstäbchen nachbauen. Dutzende Augen starrten meinen Großvater an, denn jeder wusste, was das bedeutete.

8 Monate waren seit der Feier vergangen, als mein Großvater stolz das fertige Puzzle präsentierte und mir symbolisch das erste Eis am Stiel überreichte. Ab dem Zeitpunkt musste die gesamte Familie Eis am Stiel essen. Er brauchte hunderte dieser Holzstäbchen. Monatelang verbrachte mein Großvater unzählige Stunden in seinem Arbeitszimmer. Er zeichnete, schnitzte und klebte, während ich oft neben ihm saß und Eis am Stiel aß.

Zwei Jahre nach seiner Verkündung, es war kurz vor Weihnachten, war wieder ein Großteil der Familie versammelt. "Wo ist Ernst?", fragte meine Großmutter in die Runde. Niemand wusste es. Und dann kam mein Großvater aus seinem Arbeitszimmer. Er trug ein riesiges Schiff vor sich her, gebaut aus dem Holz vom Eis am Stiel. Original bis in kleinste Detail. Ich habe ihn nie wieder so stolz erlebt.

P. S. Ich bin nicht dick geworden und meine Zähne sind auch ok :)

© Sylvia Herzberg 16.09.2020

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