FDGB-Ferienheim

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FDGB-Ferienheim | story.one

Wenn man wie ich, in der DDR aufgewachsen ist, dann war das mit dem Reisen so eine Sache. Für die sozialistischen Bruderländer fehlte entweder das Geld, der Trabant schaffte es nicht mehr oder man wollte eh nicht hin, weil es ja irgendwie genauso aussah wie daheim. Und so versuchte man, vor allem wenn man aus Berlin oder dem Süden der Republik kam, einen der begehrten Plätze in einem sogenannten FDGB-Ferienheim irgendwo an der Ostsee zu bekommen. Binz, ein Städtchen an der Ostsee, eignete sich dafür wohl besonders gut.

Damit die arbeitende Bevölkerung mit Kind und Kegel in den Ferien Urlaub machen konnte, baute die sogenannte Gewerkschaft natürlich auch in Binz ein FDGB-Ferienheim. Dort trafen sich fast jedes Jahr die gleichen Leute. Leute die Beziehung hatten oder besonders gut ihrem Vorgesetzten vorgemacht hatten, wie sehr sie ihr Land liebten. Meine Eltern gehörten zwar nicht zu dieser Sorte Menschen und dennoch, ab und zu bekamen auch wir einen Platz in dem Ferienheim.

Das Haus war ziemlich heruntergekommen, so 70er Jahre Charme. Es war kastenförmig gebaut. Einige Etagen waren wegen Baumängel gesperrt, worüber man aber hinwegsah, weil es direkt am Strand lag. Für uns Kinder war es ein Abenteuerspielplatz. Mit Vorliebe rannten wir durch die gesperrten Etagen und spielten Fangen. Das brachte uns regelmäßig Ärger ein. Nicht aus Angst, dass uns was passieren könnte, weil Häuser, die fast zusammenfielen, hatten wir in Berlin genug. Nein, diese leeren Etagen waren der perfekte Ort für alle ab 16 Jahre aufwärts, sich dort, abseits vom langweiligen Familienurlaub, zu vergnügen. Partys, Alkohol, Zigaretten, die erste Liebe. Obwohl die Jugendlichen über unsere Anwesenheit nicht glücklich waren, entstand jedes Mal so eine Art Pakt. Sie verrieten uns nicht und wir hatten nie was gesehen. Die gelebte friedliche Koexistenz.

Der Speisesaal, wo es Frühstück und Abendbrot gab, war eine riesige Halle. Putz an den Wänden gab es nur noch vereinzelt und die Bilder unserer "Helden der sozialistischen Revolution" hingen schief über der Essensausgabe. Um den Tisch musste man "kämpfen" und wer zu spät kam, für den blieb kalter Pfefferminztee und Brot mit Leberwurst übrig. Ich aß oft Brot mit Leberwurst.

Als ich 12. wurde, fuhren wir nicht mehr nach Binz. Meine Eltern entdeckten die Berge für sich. Dort gab es auch FDGB-Ferienheime und ein Platz war leichter zu bekommen, aber die waren moderner und die Leute waren sozialistischer, sprich, es gab keine leeren Etagen, wo man sich einen kleinen Freiraum schaffen konnte.

Das FDGB-Ferienheim (Freier Deutscher Gewerkschaft Bund, so die offizielle Bezeichnung), war für mich als Kind nichts Politisches und darüber bin ich heute froh, weil es mir die Erinnerungen an das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und an meine Kindheit, als etwas Positives widerspiegelt. Jedes Kind sollte diese Möglichkeit haben, egal wo es lebt oder von wo es kommt.

Kinder sollten niemals politisiert werden.

© Sylvia Herzberg 14.02.2020