Weiße Haut

  • 466
Weiße Haut | story.one

Mit Anfang 30 habe ich es zum ersten Mal gesehen. Ein kleiner, weißer Fleck auf meiner linken Hand. Zuerst dachte ich mir nichts dabei, dachte, das wäre irgendeine Ablagerung. Ich ignorierte es einfach.

Im Laufe der Zeit wurde der Fleck immer größer und irgendwann war meine ganze linke Hand weiß. Menschen fragten mich, was mit meiner Hand sei, ob ich eine Verbrennung gehabt hätte. Sie starrten mich an und wenn ich in die Sonne ging, wurde meine Hand innerhalb von Minuten feuerrot und brannte.

Als ich eines Tages in den Spiegel schaute, sah ich einen weißen Fleck im Gesicht. Tränen schossen mir in die Augen. Ich fühlte mich entstellt, hatte keine Ahnung, was das war, was mit mir los war. Ich ging zum Hautarzt und erhielt die Diagnose 'Weißfleckenkrankheit', eine Krankheit, die nur etwa 0,1 Prozent der Weltbevölkerung bekommt. Der Verlauf der Krankheit ist ungewiss. Entweder nur stellenweise oder der ganze Körper und es dauert ca. 15 Jahre, bis sie zum Stillstand kommt.

Ich weinte tagelang und versuchte mich zu verstecken. Die Blicke der Menschen trieben mich immer mehr in depressive Phasen. Mein Körper wurde stellenweise immer schneller weiß. Im Winter war es leichter, da konnte ich fast alles verstecken, aber im Sommer ging ich lange Zeit nur mit gesenktem Kopf.

Eines Tages klingelte es an meiner Tür. Es war Hochsommer und mein bester Freund hatte beschlossen mich mit zur Donau zum Baden zu nehmen. Natürlich lehnte ich ab, woraufhin er mir versprach, er geht mit mir zu einer Stelle, wo wir allein sind, wo mich niemand sehen kann. Wir kannten uns schon ewig und ich vertraute ihm. Als wir an der Stelle ankamen, die wohl nur er kannte, zog er sich aus und sprang ins Wasser. Vorher legte er mir noch eine Sonnenschutzcreme mit dem höchsten Sonnenschutzfaktor hin. Er wusste, dass die weißen Stellen ohne Pigmente waren und somit ungeschützt vor der Sonne. Er schwamm weit raus und ich war allein.

Ängstlich schaute ich mich um. Überall glaubte ich etwas zu sehen, aber es war niemand da und so nahm ich all meinen Mut zusammen, zog mich aus und cremte mich ein. Ich stand vor dem Wasser und das Erste Mal seit Jahren spürte ich wieder Sonne auf meiner Haut. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mich nicht mehr verstecken will und ich beschloss, im T-Shirt und Shorts, inzwischen waren auch meine Beine betroffen, nach Hause zu fahren. Diese Entscheidung kostete mich alles an Mut und Überwindung, aber ich zog es durch, trotz der Blicke, des Getuschels der Menschen und meiner eigenen Angst.

Nach 15 Jahren ist die Krankheit zum Stillstand gekommen. Viele Stellen an meinem Körper sind heute ohne Pigmente, die sich deutlich von den anderen Hautpartien abheben. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, mit der ‘Unvollkommenheit‘ meines Körpers umzugehen. Ich verstecke mich nicht mehr, auch weil Menschen mir Mut gemacht haben und manche heute sogar sagen, dass das irgendwie sexy aussieht.

Manchmal ist es das Mutigste, zu sich selbst zu stehen. Ganz normal anders eben.

© Sylvia Herzberg