Europa in meinem Herzen

Europa ist für mich meine Kindheit, meine Jugend, mein Erwachsenwerden. Als ich vier Jahre alt war zogen meine Eltern mit meinem Bruder und mir nach Paris. Dort kam ich in eine französische Vorschule. Ich wurde sofort herzlich in die Gruppe aufgenommen, obwohl ich keine einziges Wort Französisch verstand und niemand dort Deutsch sprechen konnte. Nach zwei Jahren, als ich schon mehr Französisch als Deutsch gesprochen hatte, gingen wir nach Brüssel und ich kam auf eine deutsche Schule, da mein Vater damals nicht damit gerechnet hatte, dass wir 13 Jahre dortbleiben würden. Die Schüler kamen aus unterschiedlichen Ländern Europas, jedoch war die überwiegende Mehrheit aus Deutschland, was zur Folge hatte, dass mich mit meinem niederösterreichischen Dialekt wieder kaum jemand verstand. So lernte ich sehr schnell hochdeutsch und nahm es im Laufe der Zeit so sehr an, dass es mir heute, nach so vielen Jahren noch passiert, dass Menschen glauben ich sei aus Deutschland. Europa war für mich jeden Tag leb- und spürbar. In unserer kleinen Straße, bestehend aus lauter Einfamilienhäusern, waren wir ein bunt gewürfelter Haufen verschiedener Nationalitäten, Belgier, Briten, Holländer, Deutsche und Amerikaner. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie faszinierend es für mich war, wenn wieder einmal ein Nachbarschaftsfest stattfand und ich als 8-jährige zwischen all den Erwachsenen umherwuselte und diesen Mix aus verschiedenen Sprachen hören konnte. Für mich war diese Vielfalt an unterschiedlichen Lauten Musik in meinen Ohren. Wir hatten das Glück in der Nähe eines Waldes zu wohnen und so sind wir Kinder der Nachbarschaft nachmittags viel und oft draußen unterwegs gewesen. Wir brachten uns gegenseitig Wörter, Traditionen und Essgewohnheiten bei. Ich werde nicht vergessen, als ich einmal bei Sarah, sie kam aus England, zu Besuch war und sie uns ein leckeres Eis zubereitete. Ich traute meinen Augen nicht, als sie das Vanilleeis mit viel grünem Wackelpudding übergoss und dies noch mit tonnenweisem Schlag garnierte. Doch schon beim ersten Löffel war mir klar -das schmeckt verammt gut. Ob beim Einkaufen, bei der Post beim Arzt oder im Kino, man wechselte seine Sprache wie seine Kleidung. Diese 13 Jahre haben mich in meinem Herzen und meiner Seele so tief bewegt und geprägt, dass ich auf die Frage nach meiner Nationalität immer antworte: Ich bin Europäerin.

© tabisla