weit weg und ganz nah

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weit weg und ganz nah | story.one

Mein Leben lang hatte ich Angst. Angst vor Vorurteilen. Angst vor dem Ungewissen. Vor allem aber hatte ich Angst jemand zu werden der ich nicht bin.

Wenn man vor etwas Angst hat, vermeidet man aller Wahrscheinlichkeit das Objekt der Furcht. Das ist Teil eines klaren und eines intakten Menschenverstandes. Warum also hatte ich mich also verändert? Wenn ich in den Spiegel blickte, erkannte ich das Mädchen nicht wieder. Sie war mir vollkommen fremd. Nach meinem 18. Geburtstag gab es für mich demnach nur einen Ausweg: Ich musste weg. Wien ist wunderschön und würde immer mein Zuhause sein, aber ich konnte es aufgrund all der persönlichen Dramen und Probleme nie vollkommen genießen. Ich musste weg, um zurückkommen zu können und mich auf etwas freuen zu können. Ich musste Wien vermissen, um es schätzen zu lernen.

Die große Frage war, wohin es mich verschlagen würde. Auf Santorini in einer Bank arbeiten? In Italien zu einer Barista werden? Für ein Modehaus in Paris arbeiten?

Ich wusste nicht wohin ich sollte. Eines jedoch war mir klar: Ich war zum allerersten Mal alleine unterwegs und ich würde mehr als nur die Unterstützung meiner Familie brauchen. Ich brauchte Schutz und ein Sicherheitsnetz. Somit war die Suche auf EU-Länder deutlich eingegrenzt. Und dennoch sind es 28 wunderschöne und einzigartige Staaten; die Auswahl war nicht unendlich groß, aber unendlich schwer.

Schlussendlich beschloss ich 2 Monate in Portugal als Kellnerin und Rettungsschwimmer zu arbeiten.

Diese Zeit hat mir einiges gelehrt. Einerseits, dass ich weder zum Rettungsschwimmer noch zur Kellnerin bestimmt bin.

Andererseits lernte ich, dass Zuhause nicht Wien ist. Zuhause ist Europa.

Egal wo ich auch war und was ich auch machte, Zuhause war immer der Ort wo ich willkommen war. Wo ich akzeptiert wurde und mich wohl fühlte. Wo die die Wärme der Sonne meinen Körper von den eisigen Temperaturen der Einsamkeit heilt. Wo der kalte Wind meine Seele durchbohrt und mir die Knochen von den eisigen Windstößen frieren, und ich weiß, dass all dies kein Traum ist, dass ich wirklich hier bin. Genau: Ich bin hier. Ich bin am Leben.

Ich hatte immer Angst, dass ich jemand werden würde, der ich im tiefsten Inneren nicht bin. Als dieser Albtraum zur Realität wurde fühlte ich mich verloren und wusste nicht wohin. Ich verlor die Orientierung und konnte nicht sagen in welche Richtung die Nadel des Kompasses eigentlich zeigen sollte.

Als ich ging um etwas zu finden, von dem ich nicht wusste was es genau war, verließ ich meinen sicheren Hafen- mein Zuhause. Auch wenn ich in einem anderen Land war, welches mehrere Tausend Kilometer von Wien entfernt war, war Zuhause genauso nah wie zuvor.

Ich schätze Zuhause ist der Ort, wo wir wir selbst sein können und uns nicht schämen müssen für die Art und Weise wie wir uns ausdrücken, kleiden oder aussehen. Zuhause ist der Ort an welchem wir Liebe spüren und Hoffnung sehen wo immer wir auch hinschauen.

Und genau das ist Europa für mich.

Zuhause.

© Tamina Vielgrader 02.05.2019