al-Qaida in Wien

Wir schreiben das Jahr 2014. Für ein Mädel aus der Obersteiermark, gleich links am Arsch der Welt vorbei, ist Wien soetwas wie eine andere Welt. So viele Ausländer, Inländer, ein Kulturschock, wenn man das Baden in Kernöl gewohnt ist.

Die Wien Woche war das Highlight der 4. Klasse Hauptschule. In einer abgefuckten Schülerunterkunft, wo Sprüchen wie "In diesem Bett haben wir gefickt" in die Betten geritzt wurden und früher die Nazis in Wien untergebracht wurden, wurde meine Klasse lieblich mit "Wos wuitsn" begrüßt. Wien, Wien, nur du allein...

Am ersten Tag hats mich beim U-Bahn-Fahren gleich mal auf die Goschn pickt, weil ein Mädchen aus den Alpen kann ja ned damit rechnen, dass die so eine Geschwindigkeit haben. Allgemeines Gelächter, und vor meinem Schwarm hab ich mich blamiert. Kann ja nur besser werden...

Wurde es aber nicht.

Am dritten oder vierten Tag stiegen wir in der Früh in die U-Bahn, um zu irgendeinen Museum zu gelangen. Türen gehen zu, normalerweise sollte die Fahrt jetzt losgehen.

Die U-Bahn bewegt sich ein paar Meter, bevor ein ohrenbetäubender Knall alle Fahrgäste aus ihrer morgendlichen Ruhe rüttelt. Die U-Bahn bleibt stehen, dann bewegt sie sich wieder ein paar Meter, bevor sie komplett stillsteht.

In meinem jugendlichen Leichtsinn flüsterte ich die Worte "Oida des woa fix Al-Qaida", worauf die Dame neben mir zum Schreien anfing. Die Blicke der anderen Passagiere hätten mich umbringen können, aber diese Blicke bin ich nach drei Tagen Wien schon gewohnt gewesen.

Auf einmal ertönt eine Stimme aus dem Lautsprecher. "Bitte bewahren Sie Ruhe, wir kommen, um Sie zu retten", klang es unheilsschwanger aus dem Lautsprecher, die Stimme des Ansagers zitterte mit Angst, und natürlich beruhigte das jeden in der Bahn - nicht.

Wir blickten nach draußen. Alles war voller Rauch, und ich war mir ziemlich sicher, dass wir bald alle sterben müssten. Zumindest müsste ich dann nicht die nächste Matheschularbeit schreiben.

Plötzlich standen zwei Männer des Typen "Wandschranks" vor den Türen und versuchten, sie aufzustemmen. Sie stemmten und stemmten, und die Türen mit den Magneten wollten nicht aufgehen. Erst nach ein paar bangen Momenten öffneten sich die Türen meines Abteils, und wir konnten nach draußen. Der Rauch hatte sich verdichtet, und man konnte kaum die Hand vor Augen sehen.

In unserer Panik liefen wir alle unserer Lehrerin wie ein Haufen Jungenten hinterher, um aus der Gefahrenzone zu kommen. Nun war sie schon näher an 60 als an 50, doch so etwas war auch ihr in all den Jahren noch nie passiert.

Im Endeffekt waren die Bremsen der U-Bahn defekt, was zu einer starken Rauchentwicklung und, soweit wie ich mich erinnern kann, auch zu einem kleinen Feuer führte.

Aber dieser Moment brannte sich in mein Gedächtnis.

Danke Wien!

© Tanja Perchtold