Heimatgefühl

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Heimatgefühl | story.one

Ich war drei Jahre alt als ich mit meiner Mutter mein Geburtsland Georgien verließ um in Wien, wo mein Vaters bereits seit einem Jahr lebte, ein neues Leben zu beginnen. Ich habe mich dann oft gefragt, ob ich in diesem Alter überhaupt eine Verbindung mit dem Land meiner Eltern aufbauen konnte. Ich verspürte eine Mischung aus Sehnucht, Neugier und Distanz. Habe ich überhaupt die Möglichkeit Wurzeln zu spüren, die mich eines Tages verlocken würden ihren Ursprung zu entdecken?

Die Antworten wurden mir erst klar als ich, zwölf Jahre später, das erste Mal wieder mit meiner Familie zurück nach Georgien flog.

Eine unglaubliche Gefühlswelle überrollte mich, als ich mich in den zahlreichen Umarmungen meiner Verwandten, am Flughafen von Tbilisi, wiederfand und wir alle gemeinsam vier Stunden lang in der Marshutka meines Onkels nach Kutaisi fuhren. Diese Fahrt war geprägt von eifrigen Gesprächen, Lachen, nostalgischen Erinnerungen und Erzählungen. Ich war fasziniert von den prächtigen Bergen, den wilden Wäldern, alten Burgruinen und Dörfern. Ich war wie in Trance und meine Augen versuchten jedes Detail aufzugreifen, das sich auf den Straßen abspielte. Mit jeder verstrichenen Minute wurde mir bewusst, wo ich mich nach all diesen Jahren wieder befand.

Georgien ist definitiv nicht das, was ich von zu Hause in Österreich kannte. Wer sich vornimmt in das Land der Gastfreundschaft zu reisen um Energie aufzuladen, dem kann ich versprechen, dass man auf gar keinen Fall zum Verschnaufen kommt. Besonders dann nicht, wenn man die Verwandtschaft besucht.

Die nächsten Tage im Haus meiner Großeltern waren fröhlich und laut, umgeben von Tellern georgischer Spezialitäten, die sich auf der Supra stapelten, die in der Mitte des kleinen Gartens stand. Die heitere Stimmung, die sich beim Erscheinen der vielen Gäste ausbreitete, überwältigte mich. In den Jahren nach dem Besuch (dem dann noch viele weitere folgten) war es diese herzliche Atmosphäre, in der ich mich immer wiederfinden wollte.

Damals, verlor ich schnell den Überblick über die Anzahl der Trinksprüche, die traditionell aufgesagt werden und war weniger überrascht darüber wieviel Wein Georgier in Wahrheit vertragen können. Beim Nachfüllen der Gläser war kein Ende in Sicht, bis mein Großvater letztendlich seine Gitarre hervorholte und wir die Nacht mit traditionellen Liedern ausklingen ließen.

Es gab keinen Moment des Ausruhens, denn nach so vielen Besuchen, Ausflügen, Eindrücken und Erlebnissen schwirrt der Kopf und man ist wohl auch etwas verkatert, wie es sich für meinen Vater herausstellte…

Völlig ausgepowert kehrten wir zurück. Doch das Herz und die Seele waren aufgetankt. Erst in Wien konnte ich die Reise verarbeiten. „Das ist also Heimat“, dachte ich mir und ein Gefühl der Vollkommenheit überkam mich. Eine bestimmt Leere, die ich zuvor verspürt hatte, war durch ein bewusstes Heimatgefühl ersetzt worden. Etwas nach dem sich mein Herz all die Jahre lang gesehnt hatte.

© Tekuscha