Highspeedshopping

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Highspeedshopping | story.one

„Wir gehen shoppen!“ meinte ich voller Unverständnis zu meinem damaligen Freund und mittlerweile Ehemann, als er sich das dritte Mal umzog. „Ja, aber das geht auch nicht!“ Genau in diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr wir uns in dieser Hinsicht voneinander unterschieden. Für mich passte eine stinknormale Jeans zu wirklich jedem Oberteil oder zumindest zu denen, die ich mein Eigen nannte, und so waren meine Überlegungen zur Wahl des passenden Shoppingoutfits in geschätzten vier Sekunden abgeschlossen und das, obwohl ich damals noch frisch verliebt war und daher im Vergleich zu heute verhältnismäßig viel Zeit in derartige Fragen steckte. Er war und ist bis heute diesbezüglich anders. Die blaue Stoffhose passte nicht zum roten Oberteil, weil die Schnitte nicht kompatibel waren. Der zweite Versuch – Hemd mit Jeans – war ihm zu wenig locker-leger und daher nichts. Bei Outfit Nummer drei war ich so sehr mit schmachtendem Betrachten dieses schönen Männerkörpers beschäftigt, dass ich den Grund, warum auch diese Kombi den Tragbarkeitstest nicht bestand, nicht richtig mitbekam. Also saß ich schon recht amüsiert am Bett und beobachtete ihn, wie er sich erneut in Schale warf und danach tatsächlich halbwegs zufrieden beschloss, dass er nun etwas gefunden hatte, womit er sich außer Haus traute.

Ich war damals gerade 19, im ersten Semester an der Uni und es daher gewohnt, finanziell keine großen Hupfer machen zu können. Er war schon seit einigen Jahren am Arbeiten, sehr verliebt und extrem bestrebt, seine Freundin zu verwöhnen. Wir lebten in einer Fernbeziehung – er in Salzburg und ich in Wien – und sahen uns nur an den Wochenenden. An einem Samstag genau so eines Wochenendes in Wien machten wir beide uns mit unserer Shoppingbegleitung, meiner Schwester, auf in den 1. Bezirk. Schon nach kurzer Zeit waren wir im kompletten Einkaufsrausch. Vom einen Geschäft, von dessen Existenz ich bis dahin nichts gewusst hatte geschweige denn dessen Namen ich aussprechen konnte, in das nächste. Vom kurzen Schwarzen in Rock und Pulli und das alles in Rekordzeit. Wie froh war ich, dass meine Grundausstattung an diesem Vormittag Jeans und Leiberl war, die schnell an und wieder ausgezogen waren. Je länger unsere Tour dauerte, desto weniger zaghaft gingen wir bei der Auswahl der Stücke, die ich anprobieren sollte, vor. Bald ging ich dazu über, mich in jedem Geschäft sofort in die Umkleide zu begeben und nur darauf zu warten, was mir meine Schwester und mein Freund kurz darauf durch den Vorhang reichten. Das war echtes hardcore Highspeedshopping: Altes ausziehen, in Neues reinquetschen – dabei sollte das richtige Teil an der dafür vorgesehenen Stelle an meinem Körper landen – und bei der anschließenden Begutachtung Bauch einziehen und kurzzeitig die Atmung aussetzen.

Noch heute liegen alle Errungenschaften jenes Vormittages in meinem Kasten. Sie zeugen davon, dass unsere Liebe nicht durch den Magen, sondern in schicken Teilen über die Haut geht.

© Teresa Kaiser-Schaffer 08.03.2020