Mein graugrüner Daumen

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Mein graugrüner Daumen | story.one

Ich liebe ihn wirklich sehr: meinen Garten. Ich freue mich über die vielen blühenden Dinge dort in der warmen Jahreszeit. Wahnsinnig gerne verbringe ich da draußen in meinem zweiten Wohnzimmer meine Zeit. Und ich mag sie auch im Haus, die Blumen – ob abgeschnitten in der Vase oder im Topf. Leider ist unsere Begeisterung füreinander recht einseitig. Während ich mich ehrlich über ihre Schönheit freue, scheinen sie schon beim Passieren der Türschwelle zu erahnen, dass ihnen bei mir kein langes Leben bevorsteht. Manchmal erscheint es mir tatsächlich so, als würden sie schon bei unserer ersten Begegnung ihre Köpfe einziehen und mit ihrem Dahinsterben prompt beginnen. Auch die Sorte Blumen, die mir mit den aufmunternden Worten: „Die sind gaaaanz pflegeleicht“, überreicht werden, entpuppen sich unter meiner Pflege oft als unmotivierte Ausreißer ihrer Gattung und überleben die erste Woche nicht.

Mein Mann und ich haben daher eine ganz klare Arbeitsteilung: Garten er – Haus ich. Er wirkt zumindest so, als hätte er bei der Gartenarbeit Freude, während mich das Herumgezupfe eher nervt und ich nie recht weiß, welchen Teil ich eigentlich wegzupfen sollte. Ich gestehe, dass ich mich dafür auch nie besonders interessiert habe.

Letztes Frühjahr habe ich aufgeschnappt, dass man Rosmarin zu dieser Jahreszeit sehr großzügig zurückschneiden sollte. Meine Töchter und ich hatten einen gemütlichen Nachmittag vor uns. Sie waren voller Tatendrang und so beschloss ich, meinem Mann eine Freude zu machen. Jede der beiden bekam so ein Ungetüm in die Hand gedrückt, mit dem man Äste abschneiden kann, und ich versuchte ihnen sehr laienhaft zu erklären, was sie tun dürften. Mit Begeisterung hantierten sie kurz darauf an dem Gestrüpp herum, dass die Äste nur so flogen. Die Rosmarinbüsche waren bald alle durch, der Arbeitseifer meiner Töchter jedoch noch nicht gestillt. Und da entdeckte ich sie: zwei besonders graue Kollegen der Rosmarinsträucher. Die sahen aber auch wirklich nicht mehr gut aus, da hinten in ihrem Eck. Diese Feststellung wurde in den nächsten Arbeitsauftrag verpackt und dieser von meinen beiden Helferlein prompt professionell ausgeführt. Kurze Zeit später blickten wir drei zufrieden auf die auf Bocciakugelgröße zusammengestutzten Pflanzen. Schön sah das nicht aus, aber wenn’s hilft …

Dann kam der Meister des Gartens nach Hause in sein Reich. In freudiger Erwartung blickten wir drei Mädels ihn an. Gleich würden wir uns das verdiente Lob abholen können. Er schwieg und betrachtete die Lage. „Deine Mädchen haben die Rosmarinsträucher geschnitten! Das brauchen die“, wollte ich ein wenig nachhelfen. Er begutachtete jedes einzelne Kügelchen, das von den einst prächtig wuchernden Sträuchern noch übrig war, und blieb schließlich bei den zwei grauen Härtefällen stehen, die diese Aktion ganz besonders nötig hatten. Mit diesem Blick zwischen Amüsement und leichter Genervtheit meinte er: „Gilt das für das Currykraut da auch?“

© Teresa Kaiser-Schaffer 26.02.2020