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Kreis der verdorbenen Mädchen

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Kreis der verdorbenen Mädchen | story.one

Sie zog genüsslich an ihrer Zigarette, die Augenlieder halb geschlossen, während sie ihrer Freundin zuhörte, die ebenfalls rauchte und dabei wild mit den Händen gestikulierte.

Ich saß träge neben der Tür, lauschte dem Gespräch, meine Augen beobachteten wachsam das Gartentor. Verstehen konnte ich nichts, aber die kurzen zischenden und kehligen Laute hatten etwas Vertrautes. Ich war der Zerberus, der zwar nicht die Unterwelt bewachte, dafür aber vorwarnen sollte, falls eine Nachbarin sich nähern sollte. Denn wer als Frau raucht, gilt als ein verdorbenes Mädchen.

Ich musste lächeln und an meine Freundinnen in Wien denken, die gerne ab und zu mal Gras rauchen. Unvorstellbar in diesem kleinen Dorf, wo die Gesellschaft klare Regeln vorgibt. Zwei unterschiedliche Welten oder nicht? Erst kürzlich waren wir auf einer Hochzeit eingeladen: Berge an Essen, laute Musik, Sisi-Kleid samt Krönchen, die Braut 19 Jahre jung. Im Laufe des Abend waberten Wolken aus Qualm durch den Raum. Geraucht haben fast alle männlichen Gäste, von den Frauen – keine einzige, obwohl ich bei einigen sah, wie nervös die Finger zuckten.

Ich streckte meine Glieder aus und reckte mich. Nein, die jungen Frauen sind hier nicht anders, nur erfinderischer. Aus Solidarität verspürte ich Lust, mir auch eine der furchtbar starken russischen Tschick anzuzünden, um in die Ränge der Verdorbenen aufzusteigen, verwarf den Gedanken aber wieder, da ich doch durch und durch Nichtraucherin bin.

© Tetri_Gogo 25.01.2020

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