Meine Großeltern

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Meine Großeltern | story.one

Manchmal stelle ich mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich meine Großeltern noch kennengelernt hätte. Leider habe ich weder die Eltern meiner Mutter, noch die meines Vaters erleben dürfen. In meiner Kindheit fehlten sie mir nicht so sehr, weil sie eigentlich kein Thema (mehr) waren. Auch waren wir beschäftigt mit anderen Dingen und Arbeit.

Natürlich gab es die Erzählungen über die Mutter meiner Mutter, die – nachdem sie von ihrem Freund nicht geheiratet wurde – einfach selbst einen alten Getreidekasten gekauft und und diesen ganz langsam in ein Haus umgebaut hatte und mit ihrem späteren Mann (meinen Opa) dort dann 8 Buben und 1 Mädchen, das meine Mutter wurde (zwei Mädchen starben vorher noch), aufzog. Und das in schwersten Zeiten. Ihr Mann starb an einer Kugel in der Lunge vom 1. Weltkrieg, mitten im 2., da war meine Mutter 9 Jahre alt. Auch blieben einige ihrer Söhne auf dem Schlachtfeld zurück. Sie selbst wurde, weil ihre Kinder mit „Grüß Gott“ grüßten und nicht mit „Heil Hitler“ vor den Augen ihrer restlichen Kinder abtransportiert, jedoch vom Gauleiter selbst dann in der nächsten Bezirkshauptstadt in letzter Minute noch gerettet…

Ihr Mann war ein fröhlicher, gutmütiger und humorvoller Mensch glaube ich. Mein Vater erzählte mir, daß er als Bub immer an dem Häuschen vorbeiradelte, weil er seinem größeren Bruder, der einige Kilometer weiter entfernt in der Lehre war, frische Wäsche bringen mußte. Einmal rief ihm der Vater meiner Mutter zu: „Jo Bua, du hast ja gar keine Luft in den Speichen!“ – was meinen Vater veranlaßte abzusteigen und nachzusehen… – solche Erzählungen gibt es von ihm einige.

Die Mutter meines Vaters war hingegen eine eigenartige Person glaube ich. Sie war viel im Ort unterwegs und wußte alles von allen … was ihren Mann, als sie wieder einmal zur Arbeit im Stall nicht rechtzeitig zu Hause war, zu dem Ausspruch verleitete: „Halbe sechse hat‘s geschlagen und die alte Hex ist noch nicht da“. Das sagte er angeblich mit einem Augenzwinkern! Sie selber sagte zu meinem Vater, als er gerade mal den Krieg und die Gefangenschaft überlebend wieder zu Hause vor der Haustüre stand: „Jo was tust den DU da?“

Tja wie gesagt, manchmal hätte ich sie gerne alle miteinander kennen gelernt, vor allem als ich älter wurde und bewußter durchs Leben zu gehen lernte. Ich hätte sie mir gerne mal angesehen und beobachtet, wie sie agieren, wie sie reagieren, was sie denken und fühlen… – Manchmal hätte ich gerne Omas und Opas gehabt, die ihre Enkelkinder herzen und lieben und in den Arm nehmen und ihnen Süßigkeiten schenken, die sie von den Eltern nicht bekommen. Deren Schlafzimmer nach Nivea riecht und am Nachttisch Zuckerl in einer Schale sind. Und manchmal denke ich mir, was ich wohl von Ihnen vererbt bekommen habe. Eine gewiße Stärke? Eine gewiße Härte? Einen gewißen Humor? Mitgefühl? Überlebenswillen? – Ich kann es nicht sagen. Ich hätte viele Fragen.

© TheresaPe 16.07.2019