Apfelgeschichte

Als Kind mochte ich keine Äpfel. Schon gar nicht die meiner Großmutter. Lederäpfel mit dicker, harter Schale und mit, nach längerer Lagerung, leicht bitteren Geschmack. Äpfel, die heute niemals den Weg in einen Supermarkt finden würden. Gelagert wurden sie in der Winterspeisekammer, ungeheizt mit nicht selten Raureif an den Innenwänden. Für meine Großmutter hatte ein Apfel etwas fast Heiliges. Sie aß sie auch „mit Putz und Stiel“, im wahrsten Sinne des Wortes. Und der Apfel war ihr Allheilmittel.Iss täglich einen Apfel und du bleibst gesund, war ihr Credo. Könnte tatsächlich etwas dran gewesen sein denn sie starb mit fast 94 Jahren und ich kann mich nicht erinnern, sie jemals krank gesehen zu haben. Täglich einen Apfel zu essen war auch für mich ungeliebte Verpflichtung. Die Multivitamintablette war noch nicht am Markt. Also: Iss täglich einen Apfel und du bleibst gesund.

Jahrzehnte später, die alte Dame war schon lange im Altenheim und fühlte sich dort recht wohl wurde bei ihr Darmkrebs diagnostiziert. Die Ärzten rieten nicht zu operieren, da dieser Krebs im Alter langsam wächst und das Risiko einer Operation höher sei. Zwischen den Zeilen war zu hören: Eine andere Todesursache in diesem Alter ist wahrscheinlicher. Meine Großmutter entschied sich gegen die Operation. Gut so, denn sie starb drei Jahre nach der Diagnose an Lungenentzündung als Folge eines Oberschenkelhalsbruches.

Ich wohnte damals in Wien und traf sie erst am Wochenende. Beim Kaffee bekam sie plötzlich ein ganz verzweifeltes Gesicht und es brach aus ihr heraus:

„Jetzt esse ich seit 80 Jahren täglich einen Apfel und es hat auch nicht geholfen.“

Ich hab sie in den Arm genommen und, ganz ehrlich, sehr damit zu kämpfen gehabt, nicht ganz laut zu lachen.

Als meine Großmutter starb, war sie runde 12 Jahre über den statistischen Durchschnitt.

Iss täglich einen Apfel und du bleibst gesund.

© Thersites