Wie du da liegst

Wie du da liegst

so stumm, mit einem entspannten Lächeln auf deinen Lippen, den Kopf, beinahe lässig nach rechts geneigt, in deinem Stresemann mit dem du mich vor den Traualtar geführt hast, nicht ohne kurz vor dem Betreten der Kirche noch ein verschmitztes „wenn du willst, können wir noch in der Kutsche abhauen“ loszulassen, deine Hände auf ungewohnt merkwürdige Weise ineinander gelegt, soll wohl betend sein, aber ich habe dich so nie beten sehen, vielleicht war das falsche an dem Bild aber auch die bunten, geschmacklosen Rosen, die sie dir da zwischen die Hände geklemmt haben….

Die haben doch Dornen…

alles war falsch

die ganze Situation

der Raum

die Tatsache

dieser Kloss im Hals

diese tiefschwarze Leere im Herz

diese bescheuerten Lorbeerbäume die um dich herum drapiert wurden

als müssten sie die Distanz wahren

du warst nicht der erste aber der mir wichtigste, neben deinem Vater, der ein Jahr vorher ging.

vor einer Woche haben wir uns noch umarmt, du hast uns einen schönen Urlaub gewünscht und ja, ich war froh mit meiner kleinen Familie für zwei Wochen aus diesem traurigbewussten Alltag mit dem Schwert des Damokles, das täglich über uns lag, zu entfliehen...deinen Schmerz nicht zu sehen, so zu tun als wäre alles in bester Ordnung… wie unter einer bösen Vorausahnung genossen wir die gemeinsame Woche, in dieser so heiligen Familienkonstellation so innig und intensiv …

der Anruf beendete alles

wie wir so schnell einen Flug bekommen haben, die mitleidigen Blicke in der Hotellobby, der letzte tunesische Sonnenuntergang,eine Formation von Vögeln auf ihrem Heimflug in den roten Himmel, die lange Taxifahrt auf staubiger Strasse, Kamele, was hatten die mit meiner Lage zu tun, wie sie da so gemächlich in ihrem Passgang am Auto entlang streiften...surreal

der passende Begriff für diese Lebenssituation

„der ist leider schon auf der Pathologie“

man kann nicht einfach seinen geliebten Vater sehen….nein, schon weggeräumt…

ich erinnere mich an das irritierte Gesicht des Bestatters als er die weggeraümten Bäume sah, aber er sagte nichts….außer, dass es jetzt Zeit wäre den Sarg zu schließen…

Wer bestimmt das?

Wo war der Stuhl?

Auf den ich mich die nächsten Stunden hätte setzen können, mit dir reden, dir vom Urlaub erzählen, deine kalten Wangen immer wieder küssen und über deine wunderschönen Hände streicheln können solange bis es genug war…

und die Rosen mit den Dornen aus deinen Händen nehmen können…

wir haben keine angemessene Verabschiedungskultur

die letzte Begegnung war viel zu kurz

aber die lebenden Momente überdauern ewig und bleiben als warme Erinnerungen.

© Thipi