Im Reich des Alpenkönigs

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Im Reich des Alpenkönigs | story.one

Durch ein Bergbuch wurde ich auf den Piz Languard bei Pontresina im Schweizer Engadin aufmerksam. Es hieß da, dieser Gipfel sei deutlich über 3000 Meter hoch. Er sei für geübte Berggeher nicht schwer zu besteigen. Und darüber hinaus biete er eine herrliche Sicht auf die Berninagruppe.

All dies war für mich Grund genug, den Languard auf meine Touren- Wunschliste zu setzen. Und eines Tages war es dann soweit. Nach einer Fahrt über den Julierpass, wo sich eine spektakuläre Wetterscheide erleben ließ (Nebel und Nieselregen auf der Nordseite, schönes Wetter im Engadin), wurde das Auto in Pontresina abgestellt. Dann begann der Aufstieg über die Alp Langaurd. Zuerst ging es noch über alpine Matten. Aber aber bald wurde das Gelände sehr felsig. Der Weg war nun teilweise recht ausgesetzt; es waren an kritischen Stellen jedoch Drahtseilsicherungen angebracht.

Da begann plötzlich seitlich über mir leichter Steinschlag. Hatte hier etwa jemand den gesicherten Pfad verlassen und war direkt in die Steilwand eingestiegen? Ich bog vorsichtig um die Ecke, die mir bis dahin noch die genaue Sicht versperrt hatte. Ich schaute- und blieb wie angewurzelt stehen. Denn was ich nun fühlte, waren Freude, Bewunderung und Ehrfurcht zugleich. Stand doch schräg über mir nicht weit entfernt auf einer Felsnische ein männlicher Steinbock. Er hielt den Kopf leicht über den Abgrund gebeugt; es sah aus als wolle er damit sein Felsenreich mit einem Mal überschauen. Und so kamen auch seine langen Hörner besonders zur Geltung. Ein wahrhaft königlicher Anblick.

Ich blieb eine Weile unbeweglich stehen, um dieses besondere Bild lange auskosten zu können. Aber dann muss er mich doch gewittert haben, denn er trat den Rückzug an. Nicht grazil springend wie die Gämsen, aber doch auf eine gewisse Art ebenfalls leichtfüßig. Selbst diese Flucht in steilstem Felsengelände hatte noch etwas überaus Majestätisches an sich.

Ich setze meinen Weg fort. Und bald darauf entdeckte ich in den Gipfelfelsen noch mehr Steinböcke. Es war ein ganzes Rudel, lauter wunderschöne Tiere. Doch der, den ich zuerst gesehen hatte, war mit Abstand der Schönste gewesen.

Am Gipfel des Languard genoss ich die herrliche Ausicht. Piz Bernina mit Biancograt, Piz Morteratsch, Morteratschgletscher, alles lag wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir.

Knapp unerhalb des Gipfels liegt Georgy' s Hütte. Dort genehmigte ich mir ein Bier. Dann ging es ins Tal zurück. Es war eine herrliche Tour gewesen. Und dabei war ich sogar- so fühle ich mich heute noch- Besucher gewesen. Besucher im Reich des Alpenkönigs, den manche auch "Steinbock" nennen. Und mehr als Besucher war ich ja auch gar nicht. Denn was war gegenüber den Felspartien, die das Steinbockrudel durchklettert hatte, diese drahteilgesicherte Wanderung ?! Eigentlich nichts als ein ehrfürchtiges Zuschauen. Ein Hineinschauen in dieses besondere Reich, das ich letztlich nur berührt und nicht wirklich betreten hatte. Doch genau das genügte mir.

© Thom 08.03.2020