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Wie in Stein gemeißelt...

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Wie in Stein gemeißelt... | story.one

In der 2. Klasse war einmal unsere Lehrerin krank. Darum wurden wir zusammen mit der Parallelklasse unterrichtet. Und dadurch hatte ich kurzzeitig einen neuen Nebensitzer. Wir redeten kaum miteinander. Aber sein Blick war wie ein Sonnenstrahl, der hell durch die Wolken fällt. Nach dieser Stunde begegneten wir uns eine Weile nicht. Und fast schon hatte ich dieses Ereignis wieder vergessen.

In den Sommerferien besuchte ich das Ferienwaldheim. Hier verbrachten Schulkinder den Tag; geschlafen wurde jedoch zu Hause. Am ersten Tag irrte ich ziellos über das Gelände. Denn ich fühlte mich einsam; weil keiner da war, den ich kannte.

Da sah ich auf einmal jemanden, der sich offensichtlich ebenfalls verloren vorkam. Denn er saß in sich versunken auf einem Mäuerchen. Ich ging näher und- erkannte meinen "Kurzzeit- Nebensitzer" wieder. Bevor ich ihn ansprechen konnte, sah er auf. Einen kurzen Moment blickten wir uns an. Dann sagte er lächelnd: "Ach, du bist doch mal neben mir gesessen."

Dann gab ein Wort das Andere, und im Nu waren wir in die schönste Unterhaltung vertieft. Zwei zuerst total einsame Jungs hatten zueinandergefunden. Um sie herum waren all die anderen Kinder. Aber auf der Insel, die sie in dem Trubel bildeten, entstand innerhalb von Minuten eine dicke Frendschaft.

Claus, so heißt er, und ich erkannten schnell, dass wir ähnliche Interessen hatten: die Modelleisenbahn, Fußball sowie vieles mehr. Und für die weitere Waldheimzeit waren wir unzertrennlich.

Der nächste Waldheimtag war sehr heiß. Und darum kam ich auf die Idee, Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Als ich Claus das sagte, meinte er, er hätte in diesem Augenblick die gleiche Idee gehabt. So gingen wir in den Raum, in dem wir die Taschen mit unserem Tagesgepäck abgestellt hatten: Hier ließen wir unsere Schuhe und Strümpfe; und dann spielten und tobten wir den Tag barfuß über das Gelände. Wir buddelten im Sandkasten, balancierten über umgefallene Baumstämme und noch manches mehr. Diese Tage vergingen eigentlich viel zu schnell...

Später besuchten wir miteinander das Gymnasium. Und dann führte uns das Leben eine Zeitlang recht unterschiedliche Wege.

Inzwischen, knapp 50 Jahre später, sind aus den kleinen Jungs von damals erwachsene Männer geworden. Aber Claus ist auch heute noch mein bester Freund. Und er sagte in meinem Beisein einmal zu anderen: "Thomas ist mein einzig wahrer Freund".

In letzter Zeit können wir uns nicht mehr täglich oder wöchentlich sehen. Aber es mögen 10 Tage, 30 Wochen oder zwei Jahre vergehen: eines bleibt immer gleich: Wenn wir uns wiederbegegnen, braucht es weder einen Anlauf noch eine Warmlaufphase.Vielmehr ist sofort alles wie immer. Und wir machen da weiter, wo wir das Mal davor aufgehört haben. So ergeht es mir mit keinem anderen Menschen auf der Welt.

In der heutigen Zeit, in der so vieles im Fluss ist oder gar zerbricht, bedeutet mir das unsagbar viel: Eine Freundschaft, die so unerschütterlich ist als sei sie in Stein gemeißelt.

© Thom 07.03.2020

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